210
Asien. Allgemeine Uebersicht. — Die Völker Asiens.
Ein cbinesiscber Mandarin.
sind jedoch ein Gott und bilden die indische Dreieinigkeit (Trimurti). AlleBekenner dieser Religion, welche sich über fast ganz Indien verbreitethat, sind seit dem grauesten Alterthum in vier Kasten getheilt, denenalle Vermischung miteinander verboten ist. Diese Kasten sind: i. dieB rahm inen (Brahmanen), welche die Priester und Gelehrten sind unddie Classe bilden, aus welcher alle öffentlichen Beamten genommenwerden; 2. die Kschatriyas, aus welcher die Radshas, die einst denFürstenstand des unabhängigen Indien bildeten, hervorgegangen sind;3. die Waischyas, d. i. Ackerbauer, Viehzüchter und Händler; 4. dieSudras (Tschutri), Künstler und Handwerker. Ausserdem giebt es nochmannigfache Unterabtheilungen und Mischkasten und zuletzt die Parias,die Ausgestossenen.
Der Brahmaismus zerfällt in zwei religiöse Parteien — den Vaisclinawa und Saiwa —von denen die eine dem Wischnu, zu dem sie, als dem Urheber alles Guten, vertrauensvoll auf-blickt, huldigt; die andere aber, die an Schiwa hängt, lässt die Glückseligkeit des Menschen vonseinen eigenen guten Thaten, ohne Rücksicht auf göttlichen Beistand äusgehen. Beide Parteienstehen sich unvermittelt gegenüber, haben aber trotz der bestehenden dogmatischen Gegensätzegemeinsame Berührungspunkte. Trotz mancherlei Ausschreitungen schliesst der Brahmaismus un-umstössliche moralische Wahrheiten in sich und lehrt Tugenden, die immerdar von grossem Ein-flüsse auf das sociale Leben der Inder waren. Ausschreitungen, wie: Menschenopfer, Kindermordund Witwenverbrennung, wird von Seiten der englischen Regierung nach Kräften gesteuert undwerden jene offenbar mit der fortschreitenden Cultur gänzlich auf hören.
Der Buddhaismus ist aus dem zum Götzendienst entartetenBrahmaismus hervorgegangen (etwa um 600 v. Chr.) und ist unter allenReligionen die einzige, unter deren Bekennern keine wesentliche Spal-tung wahrzunehmen ist.
Der Buddhaismus verwirftdie Kasteneintheilung unddie Seelenwanderung,Grund genug, um den un-geheuren Anhang, welchendiese Lehre im Laufe derZeit erhielt, zu begreifen.Der Kern der buddhisti-schen Weltanschauung be-
dieselbe weit hinaus verbreitet. Araber besiedeln den grössten Theil von Syrien und ganz Mesopota-mien. — Joctaniden oder Südaraber (im Alterthum Sabäer).c) Indogermanen, und zwar:
a) Inder, welche sowohl sprachlich als social in eine Reihe von Gesellschaften zerfallen und zahlreicheStämme und Glieder aufweisen; sie sind in dem Abschnitte „Indien” des Weiteren ausgeführt.ß) Iranier. Hierzu gehören die Perser (Tadschik), die ackerbautreibende Bevölkerung Irans; die Kurden,in Kurdistan, die Beludschen und Afghanen, die Armenier und die Osseten, letztere imKaukasus.
Unter den indogermanischen Repräsentanten auf asiatischem Boden, welchehier nicht einheimisch sind, aber als Eingewanderte eine hervorragende Rollespielen, stehen die Russen, welche das ganze nördliche und einen grossen Theildes mittleren Asien beherrschen, obenan. Ihnen zunächst stehen die Engländer,als politische Beherrscher eines Theiles von Südasien, dann die Holländer,Spanier und Franzosen mit ihren ausgedehnten Colonialreichen in Hinterindienund im ostindischen Archipel. In Vorderasien bilden die Hellenen (oder Griechen)einen Theil der Bevölkerung Kleinasiens, namentlich an dessen Westküste. Dieanderen indogermanischen Elemente auf asiatischem Boden sind nicht von aus-schlaggebender Bedeutung.
Die Gesammtzahl der Bewohner Asiens beläuft sich nach sorgfältigenSchätzungen auf rund 805 Millionen.
Religionen, Asien, die Heimat des Menschengeschlechts und der Welt-religionen, weist unter allen Continenten die compactesten Massen in Bezug aufreligiöse Gemeinschaft auf. Man zählt nach annähernd zuverlässiger Schätzung:
Birmanen aus Rangun.
Toda-Frau.
Bekenner des Brahma-ismus, Buddhaismus undFetischismus 730 Millio-nen; Bekenner des Moham-medanismus 7oMillionen;Christen 15 undjudeno’3Millionen.
Die ersten drei genann-ten Glaubensgemeinschaf-ten sind polytheistische,die letzten drei monothei-stische Religionen.
Der Brahmaismus er-kennt in Parabrahma denhöchsten Gott, aber dieserGott handelt nicht selbst,er trägt seine Gewalt aufBrahma, Wischnu, Schiwaund eine Menge unterge-ordneter Gottheiten über,welche der Weltregierungvorstehen. Brahma be-herrscht die Erde, Wischnudas Wasser, Schiwa dasFeuer. Diese drei Personen
ruht darin, dasstäuschung ist
das Dasein — welches nichts als Sinnes-ais wahrhaftiges Uebel angenommen wird.Das Gegengewicht der materiellen sündhaften Welt ist dieunzerstörbare Region des Lichtraumes, in welchem die Seligenin einem beglückenden Zustande des Nichts — „Nirwäna” —verharren. Zur Kräftigung der reinen Lehre verkörperten sichvon Zeit zu Zeit die seligen Wesen in irdischen Gestalten, dievornehmsten in Buddha selbst, von welch letzteren Incarna-tionen bisher vier unter den Menschen erschienen sind.
Der Buddhaismus ist in Indien (wo er entstand) nur wenig mehr verbreitet,am meisten noch auf Ceylon. Dagegen bekennt sich ein grosser Theil der ungelehrtenBevölkerung von China, Korea und Japan zum Buddhaismus. Eine Abart desselbenist der Lamaismus, dessen Hierarchie über Tibet und die Mongolei reicht. DerDalai-Lama ist die Incarnation einer buddhistischen Gottheit, welche zu allen Zeiteneine Vorliebe für die im Norden Indiens gelegenen Gegenden gehabt hat. — Diesogenannte Gelehrtenreligion oder Lehre des Kong-fu-tse (Confucius) hat zurGrundlage einen philosophischen Pantheismus. Das Hauptverdienst Kong-fu-tse’sberuht darin, dass er seine Ideen von Sittlichkeit und Gerechtigkeit auf den Grund-satz der Liebe zur Ordnung, in Uebereinstimmung mit den Ansichten des Himmelsund dem Gange der Natur stützte. — In Japan bezieht sich die ursprünglicheReligion (Sinto-Cult) auf die Verehrung der Naturkräfte, speciell des Himmels undjener Mächte, welche den Verkehr zwischen der unsichtbaren Gottheit und denMenschen vermitteln. Diese Vermittelung besorgen die sogenannten Schutzgötter oder„Kamis”. Der Kami-Cultus (nach dem chinesischen Ausdrucke auch Sinto genannt)war bis vor Kurzem (1884) die Staatsreligion Japans. Er ist der Ausfluss £es japa-nischen Volkes und mit dessen socialen und staatlichen Einrichtungen innig verknüpft,gerade so wie die Lehre Kong-fu-tse’s mit den chinesischen Siltengesetzen undpatriarchalischen Einrichtungen in Staat und Familie.