Ta-kao auf der Insel Formosa.
C. Ostasien.
I. Das Kaiserreich Japan.
Lage und Grösse. Das Kaiserreich Japan ist ein Inselreich,welches der Ostküste von Asien zwischen dem 24 0 bis 51 0 lat.vorgelagert ist und sich zwischen dem 122 0 bis 157 0 östlicherLänge (von Greenwich) erstreckt. Die Eingeborenen nennen dasLand „Nippon”, eine Bezeichnung, die in der Folge vorwiegendauf die Hauptinsel — welche indess Hondo heisst — ange-wendet wurde. Die anderen drei grossen Inseln des Archipelssind: Jesso, im Norden von Hondo, Sikok und Kiusiu, imSüden, beziehungsweise Südwesten von Hondo. Durch Vertragvom 7. Mai 1875 hat Japan den bis dahin ihm gehörigensüdlichen Theil der Insel Sachalin an Russland abgetreten,dafür aber den bis dahin russischen Antheil an den Kurilen-inseln erhalten. Die japanischen Hauptinseln sind von zahl-reichen Eilanden, Klippen und Bänken umgeben, welche derSchifffahrt gefährlich sind, hauptsächlich im sogenannten „Japa-nischen Binnenmeere”, dem Meeresabschnitte zwischen denInseln Hondo, Sikok und Kiusiu.
In mariner Beziehung ist bemerkenswerth, dass der japanische Archipel aufder Ostseite — der pacifischen — von der nordöstlichen Fortsetzung der grossenpacifischen Nordäquatorialströmung bespült wird. Dieser nordwestliche Ast des un-geheuren kreisenden Wirbels heisst Kuro Siwo (d. i. „dunkler Strom”), und manhat ihn den „Golfstrom des Grossen Oceans” genannt. Für ihn scheint das von denGrossen Sundainseln und der Philippinengruppe umschlossene Chinesische Meer eineähnliche Bedeutung zu haben, wie die Antillen und der Golf von Mexiko für denGolfstrom. Der Kuro Siwo wird zuerst zwischen den Philippinen und der InselFormosa fühlbar, wo er mit grosser Heftigkeit nordostwärts abströmt, so dass dessenGeschwindigkeit an den Küsten der Japanischen Inseln bereits 5 bis 6 Kilometerin der Stunde beträgt. Oestlich derselben spaltet sich der Kuro Siwo in zwei Aeste,von denen der kleinere nach der Küste von Kamtschatka hin ablenkt, während der
Hauptstrom in nordöstlicher Rich-tung verläuft. Er streift die Aleuten,die Halbinsel Alaska, wendet dannostwärts, wobei er auf das Fest-land von Nordamerika stösst undeine Ablenkung nach Südosten er-fährt. Er gelangt fast in die Nähevon Californien.
Das japanische Reich,gleich den anderen Län-dern des fernen Asiendurch Jahrhunderte von derAussenwelt abgeschlos-sen, ist derzeit nächst Vor-derindien wohl das deneuropäischen Einflüssenzugänglichste Gebiet desErdtheiles Asien. Jene Ab-geschlossenheit war es inerster Linie, welche dieeigenartige und sehr be-deutendejapanische Culturgeschaffen hatte. Die ein-
zigen fremden Einflüsse, welchen bislang Japan unterworfenwar, kamen aus dem benachbarten China. Einflüsse dieser Artkamen aber nur insoferne zur Geltung, dass sie zur weiterenVerarbeitung aufgenommen wurden, äusserlich unsichtbar undunfühlbar, dem Wesen nach aber fördernd und fruchtbringend.
Was das „alte Japan”, d. h. das Japan früherer Jahrhunderte besondersinteressant .macht, sind dessen uralte civilisatorische Einrichtungen. Das japanischeStaatswesen stand allezeit hoch über den staatlichen Einrichtungen anderer grosserasiatischer Reiche. In zweiter Linie kommt das alte Rechtswesen der Japaner inBetracht. Im japanischen Reiche bestehen seit undenklicher Zeit Civilstandesregister;das Postwesen war schon vor tausend Jahren auf das vollkommenste geregelt, undregelmässige Volkszählungen reichen bis ins erste Jahrhundert v. Chr. zurück. Auchder frühere administrative Verwaltungsapparat erfreute sich des ansehnlichen Altersvon mehr als sechzehn Jahrhunderten.
Die grosse Insel Nippon-Hondo bildete in allen Zeiten denMittelpunkt der japanischen Macht. Hier lagen und liegendie Residenzen Miako-Kioto und Jeddo-Tokio, die grossenHandelshäfen Yokohama, Niigata, Kanagawa, Iliogo und Osaka,und die alten Sitze der Feudalen: Mito, Assuma und Simodaim Osten, Fukujama und Simonoseki im Westen der Insel. AufKiusiu liegt Nagasaki mit seinem schönen Hafenbecken undan der Südseite von Jesso Hakodade. Die kleinste der Haupt-inseln ist Sikok. Sie schmiegt sich in eine grosse EinbuchtungHondos an der Südwestküste der letzteren und ist von Kiusudurch die Bungostrasse geschieden. Die Van der Capellen-strasse scheidet Kiusiu von Hondo.
Der Anblick der meisten japanischen Inseln von der See aus ist nichtsweniger als vielversprechend. Man sieht allenthalben steile, dunkle Felsküsten, welcheaus dem schäumenden Meer aufragen. Die Brandung an den Klippen ist grossartig.Auf vorspringenden Uferhöhen sieht man Baumgruppen oder schüttere Haine. Nie-mand vermöchte beim Anblick solcher Scenerien zu ahnen, dass diese ernsten, düsterenCoulissen die schönsten, fruchtbarsten Landschaften umschliessen. Kaum ist man umeines der Vorgebirge herum, öffnen sich die schönsten Buchten mit den farbigsten,abwechslungsreichsten Scenerien . . . „Alles ist zierlich und heiter stimmend; woimmer ein Fernblick sich öffnet, glaubt man, ein geübter Landschaftsgärtner hättedie Gruppirung vom Baum und Busch angeordnet. Die Kuppen der meisten Hügelund Berge erscheinen durch vereinzelte Fichten und Föhren festlich geschmückt; esist, als führten sie gigantische Panasche. In dunklen Farbentönen überziehen Gehölzeaus Fichten, Cedern, immergrünen Eichen, Lorbeer und Cypressen die Abhänge derBerge, wo hie und da goldgelbe Reisfelder terrassenförmig zu bedeutenden Höhenaufsteigen und eine malerische Unterbrechung der Waldflächen bilden. Auch einzelneTempel, deren mitunter vergoldete Kuppeldächer und phantastische Figuren grelleSonnenstrahlen niedersenden, sind auf Berg und Hügel aufgebaut; eine schnurgerade,weitläufige Treppenflucht führt hinan, alle profanen Hindernisse kühn durchschneidend,von geschweiften Thoren, die wie Triumphbögen aussehen, überspannt und vongloriettenartigen Denkmälern, Grablaternen und allerhand mythischen Figuren ein-gerahmt!” (Joseph Lehnert, „Um die Erde”.)
Das Gesammtareal des japanischen Reiches umfasst382.477 Quadratkilometer.
Bodengestalt siehe S. 205.
Flüsse. Nur die Hauptinsel Hondo hat fliessende Gewässervon einiger Bedeutung. Zu nennen sind: Jodogawa (Gawa =Fluss), welcher aus dem See Birwa-no-Umi kommt, an den
Haruka, Kaiserin von Japan.
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