Karte 
Die Erde in Karten und Bildern : Handatlas in 63 Karten nebst 125 Bogen Text mit 1000 Illustrationen / unter Mitwirkung hervorragender Fachmänner herausgegeben von der Verlagshandlung ; Karten-Gravure und -Druck von G. Freytag & Berndt
Entstehung
Seite
306
JPEG-Download
 

3°6

Amerika. — Allgemeine Uebersicht.

Baumwuchs bei Tarifa (Tehuantepec).

eine tiefe, melancholische Stille und Einsamkeit. Ringsum lautloses Schweigen undregungslose Ruhe, glanzloses, geheimnissvolles Halbdunkel, das nur unterbrochenund aufgehellt wird, wo durch Lücken in den Laubkronen das Tageslicht hereinfälltund sodann in den wunderbarsten Reflexen spielt. Eine Welt für sich bilden dieSchlingpflanzen. Häufig finden solche rings um die vereinsamten Riesengestaltenein üppiges Gedeihen und decken sich ganz über jene hin; neue Schlingpflanzenranken über die alten hervor, dass ein für das Licht vollständig undurchdringlichesDach entsteht, und ein herrlicher Baum, der Jahrhunderte getrotzt, verkümmert undendlich zu Boden stürzt sammt der ganzen grünen Welt, deren Träger er war.

Kaum ist der schreckliche Donner, der seinen Fall begleitet, verhallt, da regtsich’s im Gebüsche. Das Gebüsch selbst scheint sich zu bewegen, gespenstisch ausein-ander zu biegen, das Laub sich vom Boden zu erheben; Schleichen, Schreiten, Trittewerden dem geängstigten Ohre vernehmbar. Es ist ein Ast oder Zweig, der, über-lastet von fremder Pflanzenfülle, aus seiner Lage geschoben, seine Stellung ändertund seine Umgebung langsam und leise mit hineinzieht in die Bewegung. Doch auchdieses Getöse verhallt, und Grabesstille ruht wieder auf dem Walde (nach Engel).

Ueberaus reich ist das Gebiet an Nutzpflanzen. VonBau- und Nutzhölzern sind Pallisander- und Cedernholz diewichtigsten. Von grösserer Bedeutung sind Cacao- und Kau-tschukbaum; ferner Vanille, Paranüsse, Urucu, Indigo, Ge-würznelken, Zimmt, Ananas, Bananen, Mango, Kaffee,Zucker und Tabak. Baumwolle, Custardäpfel, Guava, Mara-cuya, Tafschu sind ebenso hervorragend als die mancherleiSchmuckhölzer, wie: Brasilholz, Anotto, Bertholitia, Mahagoni,Granadilla, Rosen- und Fustikholz. — Von den eigentlichenCulturgewächsen ist nur der Mais zu erwähnen.

9. Brasilianisches Gebiet. Es umfasst Südbrasilien undBolivien. Die an der Küste sehrstarke Feuchtigkeit nimmt nachinnen zu ab und ebenso geht derKüstenurwald in die Savannenformder „Campos” über, von denen dievon laubabwerfenden Bäumen be-setzten „Catingas” eine weit ver-breitete Nebenform darstellen. Pal-men sind weniger zahlreich als inder Hyläa, Lianen dagegen zahl-reicher als in irgend einem Tropen-gebiet. Zu den auffallendsten Baum-gestalten gehören einige Myrten-gewächse und die Sumaumeira.

In den nördlichen Campos herrschendie Savannengräser mit ihrem ungeschlossenenRasen, aus dem sich einzelne Säulencactuserheben, vor. Hier tritt der merkwürdige „Rüben-baum” häufig auf. Auf dem Tafellande nimmtdie Menge farbenreicher Stauden (namentlichEnzianen) zu. In den höher gelegenen Strichendes Tafellandes sind die Gegenden ein reich-geschmückter unermesslicher Blumengarten. —

Den Savannen des Südens sind die fast un-vermischten Waldbestände der Araucarien(Pingeiros) eigen. — Die Urwälder im Westender Campos treten wieder mit tropischer Ueppig-keit auf und bilden die Zonen der „Pantanals”.

Viele Palmen, Bambusendickichte, Farnbäume.

Culturpflanzen sind: Kaffee, Zucker, Baum-wolle, Tabak, Cacao. Ausserdem wichtig: Dro-guen und Farbhölzer.

10. Gebiet der tropischenAnden. Von den schmalen Küsten-gebieten, welche westwärts der An-den vom Grossen Ocean bespültwerden, gehört nur das von Peru

Sequoia gigantea (Wellingtonia).

zum tropischen Gebiete der Anden. Die Höhengrenze istetwa in 1500 Meter über dem Meeresspiegel. Das Gebietist charakterisirt durch seinen Regenmangel. In Limahatte es in dem Zeiträume von 1803 bis 1877 (31. December)nicht ein einzigesmal geregnet.

In diesem Gebiete unterscheidet man fünf Regionen: I. das Küsten-gebiet (bis 1500 Meter), im Sommer eine pflanzenlose Einöde, mit zahl-reichen Säulencactus und Agaven. An den Flussläufen gedeihen Mais, Reis,Bataten, Kartoffeln, Zuckerrohr, Wein, Oliven, Baumwolle. — 2. Die Sierra(von 1500 bis 3500 Metern), mit den meisten in Europa gebauten Nutzpflanzen;ausserdem Kaffee, Vanille, Kautschuk, Wollbäume und der ausserordentlichnützliche Chinarindenbaum. — 3. Die Puna (Hochgebirge, von 3500 bis 4500Metern). Sie trägt Steppenchärakter; von Baumformen ist nur die Mimoseerwähnenswerth. Ausserordentlich ist der Reichthum an Cacteen und Agaven.— 4. Die Cordillera, womit man die höher gelegenen Striche der Punabezeichnet. Wiesen mit Ranunkeln, Gentianen und Stechgras. Bambusen gehenbis 4500 Meter. Die Waldgrenze liegt zwischen 4000 bis 4200 Meter. —5. Die Montana. Hiermit bezeichnet man den mit Urwald bedeckten Ost-hang der Cordillera.

11. Das Pampasgebiet. Es erstreckt sich zwischenden Anden im Westen, dem Atlantischen Ocean imOsten, der Magalhaesstrasse im Süden und dem Wende-kreis im Norden. Das Gebiet ist ein baumloses Weideland.

Man unterscheidet die echte Pampa und die patago-nische Steppe. Die Pampas sind echte Graswiesen. Anfeuchten Stellen gedeiht mannshohes Rohr und selbst der eineoder der andere Baum, besonders eine Akazie. Im Uebrigenist das Gebiet ungemein pflanzenarm.

12. Das chilenische Uebergangsgebiet, der pacifischeKüstenstrich vom 22° bis 34° Südbreite. Wälder selten, Bäumespärlich. Cacteen und Dornsträucher bilden Gebüsche. Die Gras-flächen sind mit Steppengräsern, zahlreichen Zwiebelgewächsenund aromatischen Kräutern bestanden.

13. Das antarktische Waldgebiet. Dasselbe begreiftdie südamerikanische Westküste, vom 33 0 Südbreite bis zumCap Hoorn. Herrschender Waldbaum ist eine birkenblätterigeBuche in laubabwerfender und immergrüner Form. Im nörd-lichen Theile treten zahlreiche immergrüne Bäume auf. Unterden Nadelbäumen ist die Araucarie die vorherrschende. Bam-busen und Schlingpflanzen bilden ein sehr dichtes Unterholz,welches an tropische Zustände erinnert. Die waldlosen Stellensind spärlich und bilden Bergmatten oder Torfmoore. DieWaldgrenze liegt in Bolivien in 1500 Meter, auf Feuerlandin 400 Meter Seehöhe.

Faunenreiche. Nach der Eintheilung der Erde in zoolo-gische Regionen (nach Wallace) entfallen auf Amerika dienachfolgenden „Reiche” mit ihren Unterabtheilungen:

I. Das nearktische Reich mit den Provinzen:

1. Californische Provinz.Pacifisches Küstengebiet sammtSierra Nevada von der Colorado-mündung bis zum 52° Nordbreite.Charakterformen: Grislibär, der Maul-wurf Urotrichus, die Seeotter En-hydris, die Haubenwachtel Oreortyx,das Haselhuhn Pediocaetes.

2. Provinz des Felsenge-birges. Das Hochland des Westensvom i6° bis 55° Nordbreite, be-zeichnet durch merkwürdige Hoch-gebirgs- und Steppensäugethiere:Bison, Gabelgemse, Bergschaf, Berg-ziege, Prairiehund, Taschenratte.

3. Alleghanieprovinz. An dieebengenannte östlich anschliessend,im Norden durch den St. Lorenz-strom und die grossen Seen begrenzt.Charakterformen: Sternmulle, ame-rikanischer Dachs, Waschbär, Opos-sum, Scalop, Wandertaube, Conuvus(der einzige nordamerikanischePapagei), Klapperschlange, Glas-schlange, Weichschildkröte. GrössterFischreichthum des Reiches.

4. Canadische Provinz. Restdes Erdtheils nördlich von den ge-nannten Provinzen. Eigenthümlichdieser Provinz sind: Moschusochse,canadischer Edelhirsch (Wapiti),Elen, vSpringmaus. — Mit dem palä-arktischen Gebiete der altenWelt (vergl. Seite 207) gemein: