326
A. Nordamerika. — III. Die Republik Mexico.
m
Aztekisches Bauwerk zu Xochicalco. (Facsimile. Alter Kupferstich.)
lasse. Viele derselben waren mit Marmor bekleidet, hatten Fussböden von Cedern- und Cypressenholz, Mosaiken u. dgl. Dieberühmten Federmosaiken erinnern an eine ähnliche Technik inChina. Die Paläste waren von schönen Gärten umgeben undschlossen Jagdreviere in sich, wie es beispielsweise im Kaiser-palast zu Peking der Fall ist.
Lage und Grösse. Mexico liegt zwischen 87° und 117 0 West-länge (von Greenwich) und zwischen 15 0 und 32 0 20'Nordbreite.Es ist von Nord nach Süd 3117 Kilometer lang, von West nachOst 1780 Kilometer breit. Die grösste Breite beträgt (im Norden)2968 Kilometer; der Isthmus von Tehuantepec ist nur 189*5Kilometer breit.
Das Land nimmt einen Flächenraum von 1,946.292 Qua-dratkilometer ein, ist also fast viermal so gross als das DeutscheReich.
Bodengestalt siehe S. 300.
Flüsse, Seen. Mexico hat in Folge seines Plateaucharaktersein ganz unentwickeltes Flussnetz. Der einzige Fluss von Be-deutung, an dem aber Mexico nur mit dem rechten Ufer parti-cipirt, ist der Rio Grande del Norte (siehe S. 316), welcherin einer Länge von circa 1300 Kilometer, von der Mündungbis El Paso (an der südlichen Pacificbahn), die Grenze zwischender mexicanischen und der nordamerikanischen Republik bildet.
— Von dem Grossen Colorado gehören nur etwa die letztenhundert Kilometer seines Laufes und die Mündung zu Mexico.
— In den Golf von Californien ergiessen sichmehrere Küsten fl üsse, welche von derSierra Madre und der Sierra Tarahumareherabströmen. Der Mexcala entspringt amOstrande des südlichen mexicanischen Hoch-landes, durchbricht die Randkette östlich desPopocatepetl, wendet sich hierauf nach Westenund fällt in den Grossen Ocean.
Unter den Seen ist der einzige Cha-palasee (südlich von Guadalajara) erwähnens-werth.
Klima siehe S. 303.
Bewohner. Die Gesammtbevölkerungbeziffert sich auf 10,447.974 Seelen, von wel-chen fast der dritte Theil Indianer sind; fastdie Hälfte besteht aus Mischlingen, währenddie Kreolen nur den siebenten Theil derBevölkerung bilden. — Die Bevölkerung vonMexico ist schon seit Langem bei allen civi-lisirten Nationen in Misscredit gekommen. Diepolitischen Wirren, welche das Land zerrütten,
die Unordnung im Regierungs- und Verwaltungsapparate und vollendsdie sittliche Verkommenheit der Massen sind Erscheinungen, welche vonden moralischen Qualitäten dieses Freistaates keine gute Meinung auf-kommen lassen. Das Volk ist noch ein blindes Werkzeug in der Gewaltder Geistlichkeit. Unsicherheit des Lebens und des Eigenthums, Spielund Trunksucht und andere Laster haben die Masse des Volkes moralischverkommen lassen. Ein amerikanischer Schriftsteller behauptet, Mexicokönne nur dann für die Civilisation gewonnen werden, wenn man vonseinen zehn Millionen Einwohnern mindestens neun der Ausrottung über-liefert.
Erfreulicher Natur sind übrigens die Zustände auch in den höheren Ständen nicht. LeeresFormenwesen, altspanische Grandezza und Schein von Vornehmheit paaren sich mit geistigerInferiorität, Gefühlsrohheit und lächerlichem Rassenstolze. Da man, um über ein Volk richtigurtheilen zu können, in erster Linie nach dessen Frauen sehen muss, möchten die nachstehendenBemerkungen der Gräfin Paula Kollonitz über die vornehme Mexicanerin von Interesse sein.Das Leben dieser Damen ist ein solches der Frömmigkeit, des süssen Nichtsthuns und der Toi-lettenliebhaberei. Nur ein lobenswerther Zug ist ihnen eigen, der Hang zu den Kindern. Gewöhn-lich eröffnet die mexicanische Dame ihr wenig beschwerliches Tagewerk mit einem Kirchengange,worauf grosse Toilette besorgt wird. Mit der zweimaligen Unterbrechung der Frühmahlzeiten vergehtso der Vormittag. Der Nachmittag wird mit Empfängen und Besuchen ausgefüllt. Geistige Zer-streuung kennen die mexicanischen Damen nicht. Sie besitzen gewöhnlich nur ein Buch, und dasist ein Gebetbuch. Die Ignoranz unter diesen Frauen der vornehmen mexicanischen Gesellschaft istganz erstaunlich und findet — unter gleichen socialen Voraussetzungen — auf der ganzen übrigenWelt nicht ihres Gleichen. Man weiss höchstens, dass es ein Spanien, einen Papst und sein Romgiebt. Paris kennt man als Quelle des Toilettenluxus; die ganze übrige Welt, mit Allem, was sichauf ihr abspielt und abgespielt hat, ist diesen Schönen durch einen undurchdringlichen Schleier *entrückt.
Die Mädchen heiraten im vierzehnten oder fünfzehnten Jahre; der Kindersegen ist grossund da die Mutter, trotz ihrer Frühreife, selten ein Muster körperlicher Entwickelung und Ge-sundheit ist, bleiben auch die Kinder Schwächlinge. Die Kinder werden übrigens auch durch dieEitelkeit ihrer Mütter körperlich ruinirt. — Uebrigens sind auch die Männer masslos eitel undlieben sie es, in förmlichen Theatercostümen zu prunken, ausgestattet mit grossem lichten Sombrero(Hut) mit Goldschnüren geziert, mit dunkler Jacke, an der zahlreiche kleine Silberknöpfe funkeln,mit reich in Gold und Silber gestickten Zapateros, welche, über das gewöhnliche Beinkleid ge-zogen, von unten nur über das Knie reichen und mit einem Gurte um den Leib gehalten werden.Das Nationalcostüm nimmt indess immer mehr ab.
In den Städten sind die Leperos (wörtlich: „Aussätzige”), ähnlichden Lazzaronis in Neapel, eine wahre Plage. Sie sind ein gefährlichesProletariat und immer bereit, für Geld Unordnung zu stiften und selbstScheusslichkeiten zu begehen. — Unter den Ausländern spielendie Deutschen derzeit entschieden die erste Rolle; in derHauptstadt haben sie den Handel förmlich monopolisirt. Auchdie besseren Handwerker sind meist Deutsche, ausserdemSchweizer. Der einheimische Handwerker gilt nichts und nimmtmit dem Taglöhner dieselbe sociale Stufe ein. Er hat in derRegel die Neigungen des Lepero und seine Fertigkeit ist unter-geordneter Art.
Culturverhältnisse. Mexico ist in Hinsicht auf die Natur-erzeugnisse eines der reichsten Länder der Erde; sein Haupt-reichthum liegt in den Metallen (zumal Silber) und in dem un-gewöhnlich fruchtbaren Ackerboden, der aber lange nicht indem Maasse ausgenützt wird, als es möglich wäre.
Was zunächst die allgemeinen Vegetationsverhältnisseanbelangt, sind für dieselben die drei Höhenstufen (und mitihnen die drei Klimazonen) des Landes massgebend. Diese Ein-theilung, zuerst von A. v. Humboldt aufgestellt, wird nochimmer beibehalten; man unterscheidet: das Küstenland (tierracaliente) oder die heisse Zone; die Terrassenländer (tierratemplada) oder die gemässigte Zone, und das Hochplateau(tierra fria) oder die kühle Zone.
Glühend und pflanzenlos ist die vom Meere bespülte Sandküste. StruppigeSchlinggewächse bedecken die Dünen. Bei 60 Meter Meereshöhe folgen Grasebenen,an welche sich der Wald anschliesst. Er besteht aus Mimosen, Akazien, hohenPalmen, Citronen- und Wollbäumen. Indem wir langsam ansteigen, öffnet sichvor uns eine Savanne wenig üppiger Fennichgräser. Niedrige Malvensträucher undMimosen bieten einige Abwechslung. Hierauf folgen Wälderimmergrüner Eichen, aber die tropischen Vertreter derLorbeerform sind häufig und das Unterholz bilden kleinePalmen, Baumfarne und Melastonen; auch Yucca,Magnolien und Platane fehlen nicht. Der schönste Schmuckder Wälder sind die färben- und gestaltenreichen Orchideen.Bei 1500 Meter erreichen Indigo-, Cacao-, Kaffee- undBaumwollcultur ihre obere Grenze, während Zuckerrohrund Banane und stellenweise auch der amerikanische Pisangnoch einige hundert Meter höher hinansteigen.
Einen schärferen Wechsel bezeichnet der Fuss derCordillere in einer Höhe von 1880 Meter, wo die tropischenVegetationsformen zurückzutreten beginnen. Hier dehnen sichMaisfelder aus und gedeihen köstliche Granatäpfel,Citronen und Apfelsinen neben Pfirsichen, Aprikosen,Aepfeln, eigenthümlichen Walnüssen. Den Rain der Maisfelderbilden häufig Ananasgewächse und Pfefferpflanzen.Von 1950 bis 2200 Meter ist das Reich der Fuchsien undOrchideen. Bei 2130 Meter begegnen wir dem ersten Nadel-holze und nun begleiten uns bis 3450 Meter die herrlichsten,fast nur aus eigenthümlichen Arten zusammengesetzten Nadel-wälder. Die Königin dieser Wälder ist die über 60 Meterhoch werdende und mitunter 5 Meter im Durchmesser be-tragende Tanne „Oyamel”, welche sich von 2825 Meter auf-wärts vorfindet. Bei 2667 Meter endet der Maisbau. DieBaumgrenze liegt in 3860 Meter. Höher hinauf bedecken
Mexicanische Dame.