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Die Polargebiete. — Allgemeine Uebersicht.
Robben.
Die Robben leben gesellig und bevölkern in ungeheurenSchaaren die Eismassen des Arktischen Oceans. Der Gesellig-keitstrieb äussert sich am lebhaftesten zur Zeit der Ernährungder Jungen. Diese letzteren werden ungefähr Ende März ge-boren und bleiben in den ersten Wochen auf dem Eise liegen,indess die Mütter sie am Morgen verlassen, weite Ausflügeunternehmen und in der Regel erst gegen Abend von der Seezurückkehren. Bewunderungswürdig ist der Instinct, der dieThiere bei der Aufsuchung ihrer Jungen leitet; mag das Eisnoch so sehr durch Wind und Strömungen sich verschobenhaben, oder weit hinweggetrieben worden sein, die einzelnenBänke und Schollen mögen sich noch so ähnlich sehen: diealte Robbe findet dennoch unter der Unzahl gleichartiger hilf-loser Wesen ihre Jungen heraus.
Neben dem Geselligkeitstrieb ist an den Robben nichts sobemerkenswerth, als deren Wandertrieb. Der grönländischeSeehund unternimmt von den Küstenstrecken aus, welche ergewöhnlich bevölkert, zu gewissen Jahreszeiten weite Reisen.Vom westlichen Grönland geht die Wanderung vermuthlichnach der Baffinbai und der Davisstrasse. Der grossartigeRobbenfang, welcher in der Gegend von Neufundland be-trieben wird, steht damit wahrscheinlich im Zusammenhang. Dieausserordentlichen Mengen von Robben, welche nach den Eis-massen von Jan Mayen ziehen, scheinen sich — wie Lindemannannimmt — an den Küsten des ganzen Eismeerbassins zwischendem östlichen Grönland, Island, Spitzbergen und NowajaSemlja zu sammeln. Nach der Meinung der Robbenjäger kämedie Hauptmasse aus dem Meere um Nowaja Semlja bei derBäreninsel vorüber. Der Schauplatz des Robbenschlages richtetsich selbstverständlich nach der wechselnden Lage des Eises.In der Regel findet er zwischen dem 72. und dem 73. 0 Nord-breite und zwischen dem 2. und dem 3. 0 Westlänge (von Green-wich) statt. Die Fischer haben folgende Regel: wenn das Eissehr westlich liegt, d. h. wenn es sich nicht weit von Grönlandaus erstreckt, hat man die Robben weit im Westen und aufeinem südlicheren Breitengrad (zuweilen bis zum 68.) zu suchen.Im entgegengesetzten Falle liegen die Robbenwiesen mehr öst-lich und in mehr nördlicheren Breiten.
Mit der Tödtung einzelner Thiere giebt sich nur der Grönländer ab. Er lässtvorerst von seinem Hunde die Löcher im Eise aufspüren, bleibt dann viele Stundenam Loche sitzen, bis sich das emportauchende Thier durch sein Schnauben ankündigt.Ein rascher Stich in die Oeffnung und nach der Tiefe bringt in der Regel Erfolg,aber nicht immer. Die Robbenjagd der europäischen Fischer ist nichts Anderes, alsein brutaler Massenmord. Was ein ergiebiger Robbenschlag zu bedeuten hat, ent-nimmt man daraus, dass in einzelnen Jahren an der Bank von Neufundland allein500.000 bis 600.000 Thiere erschlagen werden. Die fühlbare Abnahme aller Robben-arten ist dem sinnlosen Verfahren, alles: Gross und Klein, Männchen und Weibchen,niederzumetzeln, zuzuschreiben. Was den Robbenjäger nach ihrer Beute lüstern macht,das sind Thran und Fett, Zähne (bei den Walrobben) und Haut . . .
Vor längerer Zeit geschah es, dass auf der Insel Unalaschka (Aleuten-Archipel) 800.000 Robben geschlagen und ihre Felle aufgespeichert wurden; nach-träglich aber wurden sieben Achtel der letzteren verbrannt oder ins Wasser geworfen,weil man — den Preis nicht herabdrücken wollte. Dafür betrug die Beute ein DutzendJahre später nur 3000 Stück . . . An den Küsten von Alaska beträgt die Beute anRobben in manchen Jahren 75.000 bis 100.000 Stück. Trotz des sinnlos betriebenenRobbenschlages schätzt man die Zahl der die arktischen Küsten von Alaska be-wohnenden Robben auf 15 bis 20 Millionen.
Zu den stärksten Robbenarten zählt das Walross. Auf bild-lichen Darstellungen sieht man fast immer diese Thiere in
grimmigem Kampfe mit ihren Verfolgern begriffen. Daraus wäreder Schluss zu ziehen, dass das Walross ein kampflustiges,aggressives Thier sei, welches bei der erstbesten Begegnungmit dem Menschen diesen zum Zweikampf herausfordere. Demist aber keineswegs so, denn das Walross ist weit eher scheuals dreist, viel mehr träge als kampflustig. Wenn es gereiztoder verwundet wird, dann allerdings kommt dem Thiere seineStärke zum Bewusstsein und es greift unverzagt seine Verfolgeran. Im Wasser, in welchem es ausgezeichnet schwimmt, kommendem Thiere seine beiden nach abwärts stehenden Stosszähnesehr zu statten, indem es dieselben in die Bordwände einhackt.Lieber aber ist dem Thiere eine andere Angriffsart; es tauchtunter das Boot und schleudert es dann mit seinem starken,breiten Rücken in die Höhe, so dass es unfehlbar kentern muss.
Dasselbe Manöver führt das Walross aus, wenn es die Rolle des Verfolgersan tritt und den über das Eis fliehenden Jägern beikommen möchte. In diesem Falleverschwindet es unter der Eisdecke und alle Gefahr scheint überstanden. Plötzlichaber kracht, dicht bei den Jägern, das Eis, es fällt in Schollen auseinander und inder Lücke erscheint das ungeschlachte Ungeheuer. Hat dieses sein Ziel verfehlt, danntaucht es wieder unter, um im nächsten Augenblicke die Eisdecke an einer anderenStelle zu zertrümmern. Es ist auffällig, dass das Thier den ausgebildeten Instinctbesitzt, die Stelle, auf der sich die Verfolgten von Fall zu Fall befinden, fast genauzu errathen. Mit den Jungen gehen die Walrosse äusserst zärtlich um, und es istdemnach besonders gefährlich, die Mutter ihres Kindes zu berauben.
Das Walross hat unter den im Norden vorkommenden Thiergattungen dasnahrhafteste Fleisch, sein Thranreichthum bildet vollkommen genügendes Beleuchtungs-,Beheizungs- und Kochmaterial, und die Haut ist für die Hundegespanne ein vorzüg-liches, für längere Reisen einzig ausgiebiges Futter. Ein Walross von mittlerer Grösseist an Nahrungswerth dem von zehn Renthieren gleichzustellen . . . Die Walrossefinden sich überall an den Küsten der Polargebiete und sie vereinigen sich zu grossenHeerden. Die Eskimo nähern sich den Thieren womöglich auf allen Seiten und er-öffnen hierauf eine lebhafte Füsilade, wobei sie die dem Wasser zunächstliegendenThiere zuerst zum Ziele wählen und dadurch den in der Mitte befindlichen Thieren,welche beispielsweise auf einer Eisscholle lagern, den Weg zur Flucht verlegen. Istaber das zuerst angeschossene Thier blos verwundet worden, dann ergreifen dieEskimo in ihren flinken Booten die Flucht, denn die ganze Heerde, voran dasverwundete Thier, stürzt ins Wasser, um ihre Gegner anzugreifen . . . Die Walrossetreten besonders zahlreich an den Küsten von Spitzbergen auf.
In den Polarregionen, welche, soweit die Landgebiete inBetracht kommen, den Organismen fast gar keine Existenz-bedingung bieten, ist nicht nur der Ocean von einer zahlreichen,dem Menschen zu seinem Fortkommen nützlichen Thierweltbelebt, sondern auch das Luftmeer. Zur Zugzeit umschwärmenungeheure Massen von Vögeln die von den Eismeeren um-flutheten Küsten. Manche Insel verschwindet in Wolken vonVogelcolonien, deren Asyle selten ein Mensch betritt. An vielenOrten sind die Seevögel aus Mangel an Bekanntschaft mit dem(in der Regel alles mordenden) Menschen so zutraulich, dasssie sich mit Händen greifen lassen oder sitzen bleiben, wennman nach ihnen geschossen und das Ziel verfehlt hat. Gelegent-lich der Entdeckung der Insel Possession im Antarktischen Oceanwurde der Capitän James Ross beim Betreten derselben vonPinguinschaaren einer geschlossenen Colonne angegriffen undseine Mannschaft mit Schnabelhieben empfangen. Das Geschreiwar betäubend.
Manche Arten können nicht fliegen, sind aber um so bessere Schwimmer oderTaucher; am Lande unbehilflich, entwickeln sie im Wasser eine unglaubliche Ge-schwindigkeit und sind unablässig auf der Jagd begriffen . . . Der wichtigste unterallen nordischen Vögeln ist die Eiderente, welche die doppelte Grösse der ge-wöhnlichen Ente erreicht. Sie ist ein Meervogel im wahren Sinne des Wortes. Un-geschickt auf dem Lande, ist sie auf dem Meere die beste Schwimmerin und Taucherin.
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Walrosse.