Die Polargebiete. — Allgemeine Uebersicbt.
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In früherer Zeit sinnlos und fast bis zur Ausrottung verfolgt, steht die Eiderente jetztin den Ländern, wo sie sich aufhält, unter polizeilichem Schutz. Das Kostbarste andem Thiere sind die flaumigen Federn, die Dunen (Daunen). Der Vogel rupft sich,behufs Auspolsterung des aus Seetang gebauten Nestes, die Dunen aus der Brust undhäuft überdies am Rande des Nestes einen grösseren Vorrath auf, mit dem die vonZeit zu Zeit ausfliegende Mutter die Eier zudeckt.
Dieser Moment wird in der Regel vom Besitzer des „Eiderholms” (eines oftmit tausenden von Brutstätten besetzten Küstenstriches) dazu benützt, das Nest seinesganzen Inhaltes zu berauben. Der merkwürdig geduldige Vogel lässt sich durch diesenRaub nicht abschrecken, sondern geht sofort daran, das Nest abermals auszüpolsternund einen Reservevorrath anzuhäufen. Nach der zweiten Beraubung ist das Thierdurch das wiederholte Selbstrupfen so erschöpft, dass nun das Männchen aushelfenmuss. Eine dritte Dunenernte ist — wenigstens auf Island und in Norwegen — poli-zeilich verboten. Die grösste Menge noch nicht gereinigter Dunen, welche von Süd-grönland aus in einem Jahre abgesendet wird, beträgt etwas mehr als 2500 Kilogramm.Da man auf I Kilogramm den Inhalt von etwa 24 Nestern rechnet, entspricht obigeSumme dem Dunenraube aus circa 60.000 Nestern.
Zn den Vögeln der Polarregionen zählen noch verschiedeneGattungen, deren wichtigste die Alken sind. Ihre Flügel sind kurzoder ganz verkümmert; die Alken fliegen selten oder gar nicht,gehen fast aufrecht, aber nur mit Mühe. Die beiden Polargebietebeherbergen ganz verschiedene Formen von diesen Thieren.Die arktische Region wird von den echten Alken (mit Papa-geienschnäbeln) belebt, zu denen einst der nun gänzlich aus-gestorbene Riesenalk (oder der „nordische Pinguin”) zählte.Ausserdem sind die Grillumme und die Seepapageien hierherzu rechnen. Die antarktische Region dagegen ist durch diewunderlichen Gestalten der echten Pinguine ausgezeichnet,von welchen die patagonische Fettgans den Typus darstellt.Ihre Flügel sind zu zwei fleischigen Lappen verkümmert, diestatt mit Federn mit Hornschuppen besetzt sind und beimSchwimmen wie Flossen gebraucht werden . . . Zum Schlüsseerwähnen wir noch das der Polarwelt eigenthümliche Schnee-huhn und die Schneeente.
Die meisten Seevögel, welche zur Winterszeit an unseren mitteleuropäischenKüsten sich auf halten, sind Wandervögel und brüten im hohen Norden. Allewählen sich passende Stellen aus. Die Gänse lieben trockene Strandgegenden, dieEiderenten die niedrigen Ufer, auf denen sich Wasserpfützen vorfinden; die Mehrzahlaber sucht die steilen Felsen, welche sich vom Meere emporthürmen, auf. Man nenntsie Vogelberge. Sie haben eine Menge von Abstufungen (hintereinander aufsteigendeTerrassen) und auf diesen sitzen die Weibchen über ihren Eiern, den Kopf nach derSee hingewandt und dicht nebeneinander. Die Männchen bilden wolkenartige Schwärme,flattern den ganzen Tag umher und fangen Fische oder Schalthiere. Es ist rein un-möglich, das Leben und Treiben dieser Vögel genau zu schildern; es ist ein Summen,Kreischen, Quieken und Pfeifen von vielen Tausenden; die verschiedensten Artenschwirren durcheinander, und der Jäger weiss nicht, wohin er zuerst schiessen soll.Er drückt aufs Gerathewohl ab, und nun wird der Lärm womöglich noch ärger. Aberdie Schwärme zertheilen sich keineswegs — die lebende Wolke bleibt ebenso dichtals zuvor. Die Kormorane (Seeraben), welche bisher apathisch am Ufer sassen, ver-mehren den Haufen, und die See schwalben, die im Kreise fliegen, schlagen demJäger ins Gesicht, während die Whibchen sich nicht stören lassen und auf ihrenNestern sitzen bleiben. — Eine sehr anschauliche Schilderung von einem Vogelbergeauf Nowaja Semlja giebt Nordenskiöld: „Der Nebel, welcher bis dahin das be-nachbarte Ufer verhüllt hatte, zertheilte sich plötzlich und liess ein wunderbaresSchauspiel erblicken. Ganz nahe bei dem Schiffe und zu beiden Seiten desselbenzeigten sich zwei schroff aufsteigende Berge, deren stufenförmige Abhänge buch-stäblich, so weit das Auge ^reichte, mit Myriaden von Vögeln bedeckt waren. An ihremebenholzschwarzen Rücken und dem weissen Bauche erkannte man sie sofort alsLummen (Grillummen). Würdevoll, unbeweglich, ein Thier gegen das andere gedrückt,so dass kein Stein dazwischen zu Boden fallen kann, bebrüteten sie ihre Eier. Andereerhoben sich in zahllosen Schaaren, aber stets nach einer Richtung hinfliegend, inder Luft. Manche Lummen lassen sich wohlgefällig von den heranwallenden Wogenschaukeln und tauchen dann und wann den Schnabel ins Wasser, um sich ihre Nahrungzu fischen, während andere wüthend mit den Schnäbeln aufeinander loshacken, umsich einen Brüteplatz zu erobern.”
Eiderenten.
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Pinguine.
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Wir erwähnten weiter oben, dass jede Art sich zum Brüten passende Oertlich-keiten aufsucht. Der nordische Sturmvogel ist der kühnste von allen; Malmgrensah einen Vogelberg unter 80 V2 0 Nordbreite, dessen unteren Theib Spiegel tau eherinnehatten; die mittlere Stufe (200 bis 300 Meter über dem Meere) hatten die Sturm-vögel inne, und über diesen nisteten graue Möwen. Auf einem anderen Bergeherrschte die weisse Möwe vor; über ihr brütete die dreizehige Möwe und nochweiter oben die graue Möwe. Nach Brehm sind die Lummen die sorglosesten vonallen Polarvögeln. Die Annäherung des Menschen macht ihnen keine Sorge; dagegenkann die Anwesenheit eines Seeadlers die Lummen in wilde Flucht jagen, und eineinziger Edelfalke räumt durch sein Erscheinen einen ganzen Vogelberg. Wo einsolcher den Menschen zugänglich ist, wird er schonungslos ausgeplündert, der Eierund der jungen Thiere wegen. Die Jagd ist nicht ohne Gefahr, da die unzugänglichenBrutplätze nur mittelst Seilen, die man von obenher herablässt, erreicht werdenkönnen. An zugänglichen Stellen bedienen sich die Eskimo zum Fange eines Fang-netzes, welches dem Schmetterlingsnetze unserer Knaben ähnlich ist.
3. Die Bewohner der Polarländer.
Die Bewohner der arktischen Region (die antarktischeRegion ist unbewohnt) gehören zu den sogenannten Arktikern(oder Hyperboreern). Man unterscheidet mehrere Völker: dieJukagiren, Tschuktschen, Ostiaken und andere asiatischeStämme ; deren Siedelungen zum Theile bis in die arktischeRegion von Sibirien reichen und über welche andernorts (vgl.S. 270) berichtet wurde. Die zweite Gruppe bilden die amerika-nischen Arktiker ; die Innuit, gewöhnlich Eskimo genannt.
Zu den Innuit gehört eine grosse Zahl von Stämmen;welche den ganzen in die arktische Region hineinreichendenNorden von Amerika und auch einige Küstenstriche am GrossenOcean (im Territorium Alaska und an der pacifischen Nordwest-küste von Britisch-Amerika) besiedeln (vgl. S. 307). Wir habenhier nur die zur arktischen Inselwelt gehörigen Stämme vorAugen. „So weit als bisher Menschen polwärts vorgedrungensind; hat man stets Spuren von Bewohnern entdeckt; und diese„äussersten Menschen” sind die Eskimo ; welche schon dieNormannen bei ihrer Besiedelung Grönlands kennen lerntenund als Stammverwandte der Menschen an der Küste vonLabrador erkannten. Sie nannten dieselben „Skrälingsar”; d. h.Zwerge, und wenn die Eskimo, nach Angaben der Missio-näre, sich die Bezeichnung „Karalit” beilegen, so ist dieselbekeine einheimische, sondern nichts Anderes als der nach denLautgesetzen ihrer Sprache umgestaltete Ausdruck Skräling. DerName Eskimo kommt aber von den Abnaki, Nascopi-Indianernund anderen Familien des Algonkin Stammes, welche denselbenzuerst den Labrador-Eskimo beilegten, und bedeutet so vielwie „Rohfleischesser”. Die Eskimo selbst nennen sich Innuit,d. h. Menschen (Plural von ineik, Mensch).”
Die eigentlichen Eskimo theilt Dr. Rink in folgende Abtheilungen: 1. in dieöstlichen Grönländer, welche die östliche Küste von Grönland bis zum CapFarewell bewohnen, jedenfalls aber nur in sehr geringer Zahl vorhanden und unsso gut wie unbekannt sind; 2. die westlichen Grönländer, welche die dies-seitigen dänischen Ansiedelungen an der Westküste von Grönland vom Cap Farewellaufwärts bis in 74° Nordbreite bewohnen und von allen Eskimostämmen am bestengekannt und am eingehendsten studirt sind; 3. die Nordgrönländer, die „wahrenHyperboreer”, an der nordwestlichen Küste von Grönland bis zur Melvillebai, welcheSir John Ross als „arktische Hochländer” (arctic highlanders) bezeichnete, was Besselsmit Recht als unstatthaft rügt; 4. die Eskimo auf Labrador, jenseits der Davisstrasse,5. die Eskimo der mittleren Region, welche den Küstenstrich und die Inseln von derBaffinbai bis zur Hudsonbai und bis zu der Barterinsel (unweit der Mündung desMackenzieflusses) bevölkern; dieser Zweig ist der am weitesten verbreitete; die Eisöde,welche seine Heimat bildet, erstreckt sich in einer Ausdehnung von 14.000 Kilometer
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