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Die Polargebiete. — Allgemeine Uebersicht.
Eskimo eine Hütte bauend.
in der Länge und 5000 Kilometerin der Breite; 6. die Eskimo ander westlichen und südwestlichenKüste von Alaska. — Den reinenEskimotypus repräsentiren dieGrönländer, obwohl unter ihnen— die Ostgrönländer ausge-nommen — gelegentliche Ver-mischungen mit den dänischenAnsiedlern stattfanden; ja inder Nachbarschaft der Colonienfangen nach Nordenskiöld reineEskimozüge bereits an selten zuwerden. Die Körpergrösse diesesVolkes ist keine zwergenhafte.Auffallend sind das breite undhohe Gesicht, die verhältniss-mässig grosse und lange Nase,die nach oben verschmälerte Stirn,die ebenso massige Entwickelungdes Unterkiefers wie des Ober-kiefers und die weit von ein-ander abstehenden Augen. DerHautfarbe nach sind die Eskimoeine so dunkle Rasse, dass sie
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Eskimofrau am Herd.
nenden Stämmen in eine Parallele gestellt werden könnten. Die Haut ist im Allge-meinen ungewöhnlich zart, die Farbe der Haare ist schwarz und straff. Bartwuchsist selten und wenn vorhanden, nicht sehr reichlich.
Die Verstandeskräfte der Eskimo sind im Ganzen nur dürftig entwickelt; dochbemerken gründliche Kenner des Volkes (Cranz, Ellis, Etzel, Rink), dass die Eskimosehr leicht auffassen, ihr Mangel an Intelligenz sonach mehr Unwissenheit als an-geborener Stumpfsinn ist. Die Haupttugenden der Eskimo sind Gastfreundschaft(welche noch alle Polarfahrer erprobt fanden), Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit. DerDiebstahl ist unter ihnen unbekannt und kann man jahrelang in Grönland mit offenenKoffern reisen, ohne das Kleinste zu vermissen. Ein psychisches Gebrechen dagegenist, dass die Grönländer — und wie es scheint, die Eskimo überhaupt — nur demAugenblicke leben und dadurch zu Zeiten in grosse Bedrängniss gerathen,. Hungerleiden und aus diesem Anlasse der dänischen Verwaltung in West-Grönland häufigzur Last fallen. Auch gebricht es den Grönländern an Geduld, und zu geistigerArbeit oder dauernder Beschäftigung sind sie schwer anzuhalten. Doch kommen auchAusnahmen vor und manche Eskimo erwerben sich eine ganz hübsche Bildung; soerscheint seit Jahren in Grönland eine illustrirte Zeitung in der Eskimosprache, dievon einem Eskimo redigirt wird. Mehr Emsigkeit entwickeln sie in der Erlernungund Ausübung von mechanischen Fertigkeiten. — Der wichtigste Erwerbzweig istdie Jagd, da weder Viehzucht noch Bodencultur betrieben werden können. Das Ver-kehrsmittel ist zur See der Kajak, ein völlig eingedecktes langes und sehr schmalesBoot, welches in seiner Mitte ein Loch für den Ruderer freilässt; ein Kajak kannsonach immer nur von einem Manne benützt werden. Doch giebt es auch grössereBoote für mehrere Personen. Zu Land bedienen sich die Eskimo der mit Hundenbespannten Schlitten.
Alle Nordpolfahrer anerkennen eine gewisse primitive Ge-sittung bei den Grönländern. Nordenskiöld schreibt: „Von denPolarvölkern, mit denen ich Bekanntschaft gemacht habe, stehendie skandinavischen Lappländer ohne Zweifel am höchsten undnach diesen kommen die Eskimo im dänischen Grönland. Beidesind christliche und des Lesens kundige Völker, welche ge-lernt haben, eine Menge Erzeugnisse auf dem Gebiete desAckerbaues, des Handels undder heutigen Industrie, wie z. B.
Baumwoll- und Wollgewebe,
Gerätschaften aus Schmied-und Gusseisen, Kaffee, Zucker,
Brot u. s. w. anzuwenden. Siesind auch jetzt noch Nomadenund Jäger, können aber nichtlänger Wilde genannt werden,und der gebildete Europäer,welcher eine längere Zeit unterihnen gelebt hat, fasst häufigeine Vorliebe für viele Seitenihrer Lebensart und Denkweise.
Nächst diesen kommen die Es-kimo im nordwestlichen Ame-rika, auf deren ursprünglichrohes Leben die amerikanischenWaljäger einen sehr wohltä-tigen Einfluss geübt zu habenscheinen. Diese Eskimo sindauch jetzt noch Heiden, aberder Eine oder der Andere vonihnen war weit gereist und
mit manchen am Aequator woh-
hatte von den Sandwichinseln nicht nur Kokosnüsse und Palm-matten, sondern auch einen Anhauch der grösseren Gewandtheitund Ordnung der Bewohner der Südsee mit heimgebracht.”
Von diesen westlichen Eskimo sind die auf den Inseln vonArktisch-Amerika hausenden die am wenigsten bekannten. Denreineren Eskimotypus weisen natürlich die am weitesten gegenNorden siedelnden Stämme auf, während auf dem Festlande viel-fach Mischungen mit Indianern Vorkommen. Physische Merk-male und allgemeine Charaktereigenschaften unterscheiden dieseEskimo wenig oder gar nicht von den Grönländern. Dagegenweichen Sitten und Lebensanschauungen zwischen Beiden wesent-lich von einander ab. Dass das Heidenthum, welchem die west-lichen Eskimo noch ausschliesslich angehören, die Kluft ver-grössert, liegt auf der Hand. In der Religion der amerikanischenArktiker finden wir den Begriff einer einzigen Gottheit, von derkeine Götzenbildnisse gemacht werden; wir begegnen auch denIdeen eines künftigen Lebens in einem ewig dauernden Sommer,sowie dem Glauben an einen guten und schlechten Ort imJenseits, also an Himmel und Hölle. Der Aberglaube, als eineArt Lebensregel .unter den verschiedenen Stämmen, wechseltmit den einzelnen Jagdgründen. Da die Stämme an diese Jagd-gründe gebunden sind, trifft die Bezeichnung der westlichenEskimo als Nomaden nicht zu. Eine Schattenseite bildet dieBlutrache, welche wohl als ein Folgeübel der heftigenFehden, die in früherer Zeit zwischen den einzelnen Stämmenherrschten, zu betrachten ist.
Ueber die sonstigen Eigentümlichkeiten der Eskimo in Arktisch-Amerikaverdanken wir neuere Nachrichten der „Schwatka’schen Expedition” (1878 bis 1880),
speciell den Mittheilungen des Expedi-
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Eskimofamilie.
tionsmitgliedes Heinrich Klutschak. EinGrundzug dieser Eskimo ist ihr starkerHang zur Geselligkeit. So oft es ihre Nah-rungsquellen erlauben, sammeln sie sichmöglichst zahlreich in grösseren Ansiede-lungen. Hier tritt ihre patriarchalische Ver-fassung am besten zu Tage. Die höchsteAutorität übt der „Ankut”, eine ArtHoherpriester, aus. Was die Geselligkeitder Eskimo anbelangt, charakterisirt sichdieselbe allenthalben in ihren Spielenund bescheidenen Unterhaltungen, in ihrengemeinsamen Mahlzeiten, in dem gemein-schaftlichen Gebrauch ihrer Vorräthe undsonstigen Eigenthums, und endlich imengeren Verhältnisse der Familie.
Das Alter erfreut sich grosser Ach-tung. Von den längst vergangenen undvergessenen Generationen existiren imMunde der Eskimo jedenfalls Ueberliefe-rungen, doch sind uns dieselben unbe-kannt. Nur die alten Gräber mit ihrenbemoosten Steinen mahnen uns an dieVergangenheit eines Volkes, von dem wirbisher so wenig erfahren konnten, undwelches in sich vielleicht den Schlüsselgrosser, lang ersehnter Entdeckungen aufdem Gebiete der arktischen Forschung birgt.
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