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Die Landgebiete der Polarregionen. — I. Die arktische Region.
An den Quellen des Hayesflusses (King William-Land).
müssen. Im Lincolnsund lagern Eismassen von ungewöhnlicherDicke und hohem Alter, die Küsten dicht besetzt haltend. Manist daher zu der Ueberzeugung gekommen, dass auf diesemPackeismeere (Palaeocrystic sea, wie man es nennt) derPol wegen feststehender Eismassen mit Schlitten nicht zu er-reichen und aus gleichem Grunde ein Vordringen zu Schiffdurch den Smithsund unmöglich sei. Natürlich behalten dieseAnnahmen nur so lange Giltigkeit, bis nicht eine neue Ent-deckung sie ihres Werthes beraubt.
Die beiden anderen vom Nordwestende der Baffinbai ab-gehenden Passagen sind: der Jonessund zwischen Grinnell-land und der Insel Nord Devon, und der Lancastersund,zwischen der zuletztgenannten Insel und Baffinland.
Der Lancastersund bildet den Beginn der sogenannten Nordwestpassage.Sie führt mitten durch das Inselgewirre von Arktisch-Amerika, indem der Lancaster-sund westwärts in die Barrowstrasse, dann in den Melvillesund und zuletzt indie M’Clures-(Banks-)Strasse übergeht, welch letztere in das offene Meer nördlichvom Territorium Alaska mündet . . . Die Geschichte der sogenannten „Nordwest-durchfahrt”, d. h. einer Yerbindungsstrasse zur See zwischen dem Atlantischen Oceanund dem Grossen Ocean um die nördliche Küste des amerikanischen Continents, istein Glied in der Reihe der grossen Entdeckungsfahrten. Das Problem wurde zuerstvon England aufgeworfen, und zwar in der Zeit, da Magalhaes die erste Welt-umsegelung bewirkt hatte. Um diesem Triumphe ein Gegengewicht vom rein prakti-schen Standpunkte zu verleihen, sollte ein anderer Seeweg vom Atlantischen Oceannach dem Grossen Ocean aufgesucht werden. Das Problem blieb indess durch Jahr-hunderte ungelöst. An die Bemühungen eines Cabot (1498) reihten sich die For-schungen eines Hudson, JohnRoss, James Clark Ross,
Parry. Erst mit dem schreck-lichen und noch immer un-aufgeklärten Schicksale derExpedition des Sir JohnFranklin ist die Lösungdes Problems erreicht wor-den, indem Franklin undseine Leute sterbend dasletzte Verbindungsglied zwi-schen beiden Oceanen, dasmit seinen ungeheuren, un-beweglichenEismassen schondem einzelnen Schiffe un-überwindliche Hindernissein den Weg legt, für denWelthandel also für immerverloren ist, erreichten . . .
Von den Unternehmun-gen, welche zur Auffindungder Stelle, wo die Franklin-sche Expedition ihren Unter-gang gefunden hatte, inScene gesetzt wurden, ist dieExpedition M’Clintock’sim Jahre 1859, mehr nochaber diejenige des Lieute-nants Schwatka im Jahre1879 berühmt geworden.
Schwatka und seine Leuteentdeckten an der Westküsteund an der Nordwestküstevon King William-Land(im Norden von der Ade-laide-Halbinsel des Fest-landes von Amerika) allerleitraurige Erinnerungszeichenan den letzten Leidenswegder Verunglückten: Men-
schenknochen, die Trümmer eines grossen Bootes und darunter die mannig-faltigsten Gegenstände, von denen am meisten einige Sacktücher auffielen, inwelche Kugeln und Schrot, sowie auch einige Gewehrzündhütchen eingebundenwaren. In der „Hungerbucht” auf der Halbinsel Adelaide wurden auchKleider ausgegraben, welche wahrscheinlich Officieren gehört hatten. Schuhe,Stiefel, Uniformbestandtheile, Knöpfe u. s. w.: das alles lag noch hier, und inder Nähe fand sich auch eine kleine silberne Denkmünze auf den Stapellaufeines grossen englischen Dampfers am 23. August 1843.
Heinrich Klutschak, einer der Theilnehmer der Schwatka’schen Ex-pedition, lässt sich über den muthmaasslichen Weg und das Ende der Frank-lin’schen Leute wie folgt vernehmen: „Betrachten wir den Rückzug der Leutevon Irvingbai, so finden wir die Zahl stets kleiner werden; zuerst eine Des-organisation der damals noch an IOO Mann zählenden Abtheilung an Erebus-bai, ihre gänzliche Auflösung als disciplinirtes Commando aber an Terrorbai.Da die Leute von den Schiffen aus — der Grösse der Bootbestandtheile nachzu schliessen — nicht mehr als drei Boote mitgenommen haben dürften, zweiaber bekanntlich schon an der Erebusbai zurückgelassen werden mussten, sowäre eine Abtheilung noch nach Terrorbai gekommen. Diese Partie dürftesich so lange im Küstenwasser des südöstlichen Theiles der Insel (King William-Land) langsam weiterbewegt haben, bis ihnen ein Aufbrechen des Eises eineUeberfahrt gestattete. Von dieser Partie mögen auch die Skelette stammen, die1869 der Forscher C. F. Hall auf einer der drei Todd-Inseln fand undbeerdigte, während die einzelnen an der Küste von König Wilhelm-Landzwischen Washingtonbai und Booth-Landspitze liegenden und vor derEntdeckung unbeerdigten Ueberreste von Weissen aus den letzten Stadiendes Elends der Leute, bevor sie dem Hungertode erlegen sind, herrühren . . .Einzeln getrennt, blos auf die eigene Rettung bedacht, eilten sie weiter, dochnur kurze Zeit, dann brachen sie zusammen, um ihr Leben zu enden.”
Das King William-Land, von dem hier die Rede ist,wird im Osten von der weit nach Norden ausgreifenden HalbinselBoothia Felix des Festlandes von Amerika umschlossen. ImNorden, beziehungsweise im Nordwesten der genannten Halb-insel liegen die Inseln Nord-Somerset und Prinz Wales-Land. Letztere ist durch den breiten Mc. Clintok-Canal von demgrossen, nach Westen hin sich erstreckenden arktischen insu-laren Landgebiete getrennt, welches in seinen einzelnen Theilenverschiedene Namen führt: im Südwesten Wollaston-Land, imNordwesten Prinz Albert-Land, im Osten Victoria-Land.Im Nordwesten dieser grossen Insel liegt die Barring-Insel(oder Banksland), im Norden die Melville-Insel.
Von all den vorgenannten arktischen Landsplittern ein-geschlossen, dehnt sich, im Herzen des insularen Theiles vonArktisch-Amerika, der grosse Melvillesund, von dem ausmehrere Canäle nordwärts in das noch unerforschte, wahr-scheinlich glänzlich wüste Polargebiet führen. In diesem Be-reiche liegen, am weitesten nach Norden gerückt, die Parry-Inseln . . . Alle Canäle zwischen dem vorstehend angedeutetenInselgewirre sind den grössten Theil des Jahres mit schwerenPackeismassen bedeckt. Was aber die Inseln anbelangt, istes von Interesse, dass auch auf ihnen (wie auf Grönland, vgl.S. 423) an vielen Stellen Steinkohlenflötze zu Tage treten,und es hat sich häufig ereignet, dass Dampfer sich dort mitKohlen versahen.
Im Smithsund.
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