Die Landgebiete der Polarregionen. — I. Die arktische Region.
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Der grösste Theil der arktisch-amerikanischen Inselnhat die gleiche mittlere Jahrestemperatur wie die furcht-bare Region an der Mündung der Lena in Sibirien. Geradeder Umstand ; dass die Temperatur im Arktischen Oceaneine so niedrige ist ; macht es vornherein unmöglich; etwadort befindliche Wasserstrassen zur Durchfahrt aus demAtlantischen Ocean in den Grossen Ocean zu benützen.
2. Grönland- Diese ausgedehnte; aus dem unerforsch-ten Inneren der Nordpolarregion weit nach Süden bis aufdie Polhöhe des südlichen Norwegen sich erstreckendeLandmasse könnte man mit Fug und Recht den Arkti-schen Continent nennen. Seinem annähernd auf 2 , 200.000Quadratkilometer berechneten Flächeninhalt nach hat Grön-land ungefähr die gleiche Ausdehnung wie die HalbinselArabien oder der Congostaat; es ist viermal so gross alsdas Deutsche Reich.
Der südliche Theil von Grönland besteht aus dreisich deutlich scheidenden Zonen: dem Festlande, dengrossen Inseln und den Ausseninseln oder der Klippen-region. Das Festland; dessen südliche Erstreckung biszu 59 0 58' Nordbreite reicht; stellt eine auf der Ostseiteziemlich steilufrige Halbinsel dar. Das Innere des Landeswird durch das sogenannte Binneneis erfüllt; jene unermesslichenGletscherfelder; welche den ganzen arktischen Continent be-decken und in Form von gewaltigen Eisströmen durch die grossenThalfurchen; welche meist in Fjorden enden, ins Meer sich er-giessen. Um diese Eismasse legt sich ein breiter Saum sicht-baren Festlandes, welches namentlich auf der Westseite durchdie vorerwähnten Fjorde reich gegliedert ist. Diese letzterenstrahlen ziemlich regelmässig von der Längenachse des Conti-nents aus. Annähernd gleich hohe Gebirgskämme, welche meiststeilwandig mit weit vorspringenden Caps ins Meer abstürzen,bilden das Landgerüste.
In geographischer Beziehung pflegt man scharf zwischender Westküste und der Ostküste von Grönland zu unterscheiden.Die Westküste ist nicht nur der besser gekannte; sondern auchder mannigfaltiger gegliederte und — was ganz besonders indie Wagschale fällt — reichlicher von Menschen besiedelteTheil von Grönland. Dieser Landabschnitt — mit einem schmalenKüstensaume identisch — umfasst ungefähr 80.000 Quadratkilo-meter; auf welchem 10.000 Menschen siedeln: Eskimo; dänischeColonisten; Herrnhuter-Missionäre und andere Fremde. Von dergrossen Zahl von kleinen Inseln und Klippen; welche der West-küste von Grönland vorliegen; ist die Disko-Insel die grösste.Nördlich von ihr greifen die beiden ansehnlichsten Halbinselndieser Küste, die Nursoak-Halbinsel und die Svartehuk-Halbinsel; in beträchtliche Entfernung in die Baffinbai hinausund schliessen den grossen Omenakfjord ein, eigentlich eineweitläufige Bai ; in deren Hintergründe die Mündungen mehrererbedeutender Eisströme liegen.
Nördlich von diesem Abschnitte von Westgrönland rundetsich die Küste ; welche fast gar nicht erforscht ist, ziemlichtief landeinwärts ab und bildet die Melvillebai, den Sammel-punkt der Walfänger in diesem Theile des Arktischen Oceans.— Nördlich von der Melvillebai beginnt jener Theil der West-
Karsasoak, die nördlichste Eskimoansiedlung an der Westküste von Grönland.
küste von Grönland; welcher vom Smithcanal ; dem Smithsundund der ganzen Reihe von Zwischenbecken und Durchfahrten;welche bis zum Lincolnsund sich aneinanderreihen, bespült wird.Die südliche Hälfte dieses Küstenstriches wird landeinwärts vondem ungeheuren Humboldt-Gletscher erfüllt; in 78° Nord-breite liegt Karsasoak, die nördlichste Ansiedlung der Eskimo.Die nördlichsten bisher erforschten Theile von Westgrönlandsind das Washingtonland, die Polarishalbinsel und dasHallland. Der nördlichste von der englischen Expedition imJahre 1876 mittelst Schlitten erreichte Punkt liegt in 83° 20'Nordbreite. Noch etwas nördlicher (83° 24') kam 1883 die nord-amerikanische Greeley-Expedition.
Die Ostküste von Grönland (oder Ostgrönland) ist weitweniger erforscht als die Westküste, und liegt der nördlichstemit Schlitten erreichte Punkt in 77 0 Nordbreite, also nichteinmal auf der Polhöhe der nördlichsten Eskimoansiedlung ander Westküste. Am besten gekannt ist der mittlere Theil vonOstgrönland, das Forschungsgebiet der deutschen Nordpol-expedition in den Jahren 1869 und 1870 unter Führung desCapitäns Carl Koldewey.
Jahrhunderte lang hat diese Küste, welche noch weit mehr von Polareis ver-sperrt ist als die Westküste, allen Bestrebungen der seefahrenden Nationen Wider-stand geleistet. Da gelang es im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts dem unermüd-lichen Eismeerfahrer William Scoresby, die sehr günstigen Witterungsverhältnissedes Sommers 1822 ausnützend, sich dem Theile der Küste von Ostgrönland zunähern, welcher zwischen dem 69. und dem 73. 0 Nordbreite liegt. Er konnte die Ge-staltung der Küste, ihre Einbuchtungen, ihre Vorgebirge und ihre Eilande genauerkennen. Im darauffolgenden Jahre drang Clavering um noch zwei Breitengradeweiter nach Norden vor, ohne dass es ihm vergönnt war, eingehende topographischeUntersuchungen anzustellen. Fast ein halbes Jahrhundert sollte noch vorübergehen,ehe genauere Forschungen an Ort und Stelle vorgenommen werden konnten.
Dies geschah durch die oben erwähnte zweite deutsche Nordpolfahrt in denJahren 1869 und 1870. Die Expedition überwinterte an der Südseite der Sabine-Insel, machte von hier aus während der geeigneten Jahreszeit Schlittenreisen aufdem Lande gegen Norden und gegen Süden, wobei sie als nördlichsten Punkt den77. 0 Nordbreite erreichte (am 15. April 1870). Julius Payer und der MatroseEllinger bestiegen im August 1870 den höchsten Gipfel des Cap Broer Ruys,von dessen Höhe sie die Mündung eines grossen Fjords, vor welchem an 200grosse Eisberge lagen, entdeckten. Dieser nachmals Kaiser Franz Josephbenannte Fjord, welchen die „Germania” 126 Kilometer weit landeinwärts ver-folgte, stellte sich als die bedeutendste topographische Entdeckung der Expedi-tion heraus. „Je weiter wir eindrangen” — berichtet Koldewey — „desto milderwurde die Temperatur und desto wärmer das Wasser. Die Scenerie war gross-artig wie in den Alpen. Ein unbekanntes Land, das wirkliche Innere von Grön-land, eröffnete sich immer schöner und imposanter unseren Augen (vgl. die Kopf-leiste zu diesem Capitel). Zahlreiche Gletscher, Cascaden, Sturzbäche kamen vondem immer höher und höher ansteigenden Gebirge herunter. Weiter im Nordenwurde ein ungeheurer Gletscher entdeckt.”
Vor der Rückfahrt bestiegen Julius Payer und Dr. Cogeland über Gletscherund Firnfelder einen 2166 Meter hohen Berg, von dessen Gipfel aus sie dengrossen Fjord in westsüdwestlicher Richtung circa 18 Kilometer weit verfolgenkonnten; dann schien er sich zu verzweigen und an dem Abzweigungspunktemündete ein mächtiger Gletscher von fast 2 Kilometer Breite. Dieser Gletscherkam von einer Gebirgskette herunter, deren Kammhöhe 2800 Meter und derenGipfel — Petermann-Spitze genannt — nach J. Payer 3480 Meter erreicht.
Das von der zweiten deutschen Nordpolfahrt nördlichvom Franz Joseph-Fjord erforschte grönländische Gebiet er-hielt den Namen König (Kaiser) Wilhelm-Land. Südlichvon dem vorgenannten Fjorde erstreckt sich das Scoresby-Land. Die von früher bekannten Küstenabschnitte vonOstgrönland führen die Namen Egede-Land (zwischen demPolarkreis und dem 7 o. u Nordbreite) und König Fred er ik VI.Küste (vom Polarkreis bis zur Südspitze von Grönland).Diese letztere wird von heidnischen Eskimo (die Eskimo der
Die Nunatak’s auf dem grönländischen Binneneise. (Südliches Inspectorat.)
Reisen auf dem grönländischen Binneneise.
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