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Die Erde in Karten und Bildern : Handatlas in 63 Karten nebst 125 Bogen Text mit 1000 Illustrationen / unter Mitwirkung hervorragender Fachmänner herausgegeben von der Verlagshandlung ; Karten-Gravure und -Druck von G. Freytag & Berndt
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Die Landgebiete der Polarregionen. I. Die arktische Region.

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Die ursprüngliche Absicht derExpedition hatte darin bestanden, dasHauptaugenmerk auf die grösste Insel,

Koteljnoi, zu richten. In Folge derBerichte der Jakuten von dem Vor-handensein grosser Mengen Mammut-knochen und Ueberreste anderer ante-diluvianischer Thiere auf der nur 71Kilometer vom Festlande entfernten,zwischen dem 73. und 74. 0 Nordbreitegelegenen Ljachow-Insel fasste manjedoch den Beschluss, sich vorläufig zutrennen: Baron Toll (der zweite Leiterder Expedition) sollte sich hach derLj achow-Insel,Dr. Bunge dagegen nachKoteljnoi begeben. Am 17. April 1886fuhr Ersterer nach Ljachow voraus,wohin ihm am 24. April Dr. Bungemit dem Rest des Proviants folgte. Inder Nacht auf den 27. April langteDr. Bunge auf der Ljachow-Insel an;am 29. reiste er nach Koteljnoi weiter,wo er am 3. Mai eintraf und sich mitden vorausgegangenen Leuten ver-einigte. Am 6. Mai trennten sich Dr.

Bunge und Baron Toll amBären-cap (Cap Medweschij), der Südspitze

von Koteljnoi, worauf Letzterer eine östliche Richtung einschlug, und sich, dieInsel Fadjejew (Thaddäus-Insel) nördlich liegen lassend, nach der Insel Neu-sibirien begab, um die dort befindlichen Steinkohlenlager zu untersuchen. Dernördlichste Theil von Neusibirien wurde durchforscht und auf Koteljnoi eine karto-graphische Aufnahme bis zu 75*5° Nordbreite vorgenommen. Leider verhindertenSchneestürme und Nebel, sowie Mangel an Brennholz und die Erschöpfung derSchlittenhunde die Fortsetzung dieser Arbeiten.

Eines der interessantesten Ergebnisse dieser Forschungsreise ist die Thatsache,dass die Inseln Koteljnoi und Fadjejew durch einen sandigen Streifen Landes mit-einander verbunden sind und dass die auf den bisherigen Karten angegebeneDurchfahrt nicht vorhanden ist; im Sommer vermögen die Renthiere ungehindertvon einer Insel zur anderen zu gelangen.

Cap Neale auf Franz Joseph-Land,

Amerika vermöge seiner Na-tur zur arktischen Regiongehört; ist dies auch mit derNordküste von Asien derFall. Deijenige Theil der sibi-rischen Eismeerküste; wel-cher am höchsten in die ark-tische Region hineinreicht;ist die Taimyr-Halbinselmit dem Cap Tscheljuskin;das in 7 7 0 41' Nordbreite liegt;somit nicht nur der nördlich-ste Punkt Asiens; sondernüberhaupt die nördlichsteFestlandsmarke der Erde ist.Ueber diesen Abschnitt vonNordasien besitzen wir zwarausreichendeKenntnisS; dochgehören die damit verbun-denen F orschungsresultateeiner älteren Zeit an. Seitfast anderthalb Jahrhundertenaber ist in der Erforschung jenes Gebietes nichts geschehen.

Auffischen von Treibholz.

wurde von der ExpeditionFolgendes ermittelt. Die Inselhat einen Umfang* von 418Kilometer und ist mässighoch; der Winter auf ihr istum den io. Juni zu Ende ;indem um diese Zeit die be-ständigen Fröste und Schnee-stürme aufzuhören beginnen.Die im Juni beobachtetehöchste Tages wärme betrug8°R.; im Laufe des Sommersherrschten Regen ; oft auchSchnee; Nebel und heftigeWinde; die nicht selten zuSchneestürmen anwuchsen.

Die Insel war während des ganzen Sommers von Packeis um-lagert; ein einzigesmal; am 24. September; wurde am fernenHorizont ein schmaler blauer Streifen bemerkt; den man für einvom Eis befreites Stück des Polarmeeres halten zu dürfenglaubte. Am 14. Juni langten festländische Eingeborene (Jakuten)mit Renthieren auf der Insel an ; um nach Mammutknochen zusuchen.

Die Fauna der Ljachow-Insel ist eine verhältnissmässigreiche; von Säugethieren fand man vor: das wilde Ren ; fernerWölfe und Eisfüchse. Diese Thiere halten sich aber nicht be-ständig auf den Neusibiri-schen Inseln auf; sondernziehen vor Eintritt der Win-terszeit nach dem Festlandezurück. Von Seesäugethierenkommt nur eine Robbenartvor; im Sommer besucheneinige Vögel (Möwen ; Gänseetc.) die Inseln. Bemer-kenswerth ist der Reichthumder Ljachow-Insel an Restenvon antediluvianischen Thie-ren. Es wurden Ueberrestevom Mammut; Nashorn (!) ;mehreren Arten des Hirsches;von zwei Arten Rindvieh;vom Pferd; Hasen und vonmehreren nicht näher zu be-stimmenden Raubthieren ge-funden (nach H. Bay).

Gleichwie der grössteTheil der Nordküste von

Die vorstehend erwähnten älteren Kenntnisse rühren von dergrossen nordi-schen Expedition her, deren Mitglieder ein Jahrzehnt hindurch 1734 bis 1743mit unermüdlicher Ausdauer und Energie an der Lösung ihrer Aufgabe gearbeitetund heldenmüthig dem furchtbaren Klima getrotzt hatten. Der Zweck dieser lang-wierigen Expedition war hauptsächlich der, den Seeweg zur directen Verbindung vonWest- und Ostsibirien aufzufinden, um dem Handel einen neuen Weg zu eröffnen.Es gelang dieser Expedition, eine Riesenarbeit durchzuführen, die Nordküste Asiensvollständig aufzunehmen und die Trennung Asiens und Amerikas nachzuweisen.Leider geriethen die auf diese Forschungsarbeiten bezugnehmenden Documente inden Archiven in Vergessenheit und es war Middendorffs Verdienst, im Jahre 1843 von

Ueber die Lj achow-Insel ^

Tundra an der sibirischen Eismeerküste.

Cap Crowther auf Franz Joseph-Land.

Neuem das Interesse auf die vortrefflichen Leistungen jener Expedition hinzulenken.

Den wichtigsten Abschnitt der Arbeiten dergrossen nordischen Expeditionbildet Tscheljuskins Umfahrung des nördlichsten Caps von Asien im Schlitten.Fast hundert Jahre später (1843) war A. v. Middendorf! i n diese Region vorgedrungenund hatte mittelst Schlitten und Booten die Taimyrbucht in 74 0 Nordbreite erreicht.Am 25. August 1843 früh bot sich bei der Baer-Insel das Eismeer den Blickendes kühnen Forschers dar. Ein Versuch, in dasselbe einzudringen, misslang; das kleineFahrzeug wurde von der tobenden Fluth zurückgeworfen, worauf Middendorf! denRückweg, von Hunger, Frost und Entbehrungen aller Art begleitet, eiligst antrat.Auf diesem Rückzuge wurde v. Middendorf! krank; um wenigstens die Rettungseiner Mannschaft zu erleichtern, beschloss er, obgleich von allen Existenzmitteln ent-blösst, zurückzubleiben und Jene die Reise zu befreundeten Samojeden fortsetzen zu

lassen. Seine Leute trafen zwar schonam vierten Tage Samojeden an, dochmachten die furchtbaren Schneestürmejede Hilfeleistung zu dem bedrängtenFührer unmöglich. Endlich glückte es,denselben kraftlos, doch noch lebendaufzufinden, nachdem er zwanzig Tagein der Schneewüste mit drohendemUntergange gekämpft hatte. Hieraufkonnten die Reisenden ungefährdetden Rückmarsch antreten und sich inSicherheit bringen.

Aus vorstehenden Mit-theilungen ist zu ersehen;dass der nördlichste Theilvon Asien im Jahre 1742durch Tscheljuskin zum er-stenmale betreten worden ist.Aber er war nicht zu Schiff;sondern im Schlitten vomBinnenlande aus dorthin ge-kommen. Vier Jahre vorherwar Sterlegow von der Je-nisseimündung aus zu Schiff108