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Die Erde in Karten und Bildern : Handatlas in 63 Karten nebst 125 Bogen Text mit 1000 Illustrationen / unter Mitwirkung hervorragender Fachmänner herausgegeben von der Verlagshandlung ; Karten-Gravure und -Druck von G. Freytag & Berndt
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Die Landgebiete der Polarregionen. — I. Die arktische Region.

Cap Tscheljuskin.

bis in 73° Nordbreite und im Jahre 1750 im Schlitten bis in 75 0Nordbreite vorgedrungen. Aber hoher polwärts drang keinerder russischen Polarfahrer, welche seit 150 Jahren anstrebten,das Nordcap von Asien zu umschiffen und aus dem westlichenSibirischen Eismeer in das östliche einzudringen, mit anderenWorten, „die nordöstliche Durchfahrt” zu erzwingen.

Wohl war man zu gleicher Zeit, als von den Mündungender grossen sibirischen Ströme zahlreiche Expeditionen insnördliche Eismeer abgingen, auch bestrebt, von Osten her, um die OstspitzeAsiens herum, tiefer in das Sibirische Eismeer einzudringen; indess waren nurdie Entdeckungen des berühmten Bering von Belang. Er drang als Ersterdurch die späterhin nach ihm benannte Strasse zwischen Asien und Amerikaund gelangte bis zum Vorgebirge Serdzekamen. Er hatte auch die Lorenz-Insel entdeckt, wusste jedoch nicht, dass das Meer, welches er durchschiffthatte, kein offenes, sondern eine Strasse sei, und dass das Festland von Amerikanur 80 Kilometer entfernt lag. Die Reise Bering’s fällt in das Jahr 1729.

Nachdem es mit der Lösung des Problems der nordöstlichen Durchfahrtstille geworden, wurde dieselbe von A. Petermann in Gotha wieder in An-regung gebracht. Diese Anregung führte zur Oesterreichisch-ungarischen Nord-polexpedition, welcher die Aufgabe zufiel, um Nowaja Semlja herum in dasSibirische Eismeer vorzudringen. Die Naturgewalten aber hatten es andersbeschlossen. Am 21. August 1872 wurde der „Tegetthoff” bei Cap Nassauauf Nowaja Semlja vom Treibeise eingeschlossen und trieb mit diesemnordwärts bis in 79 0 58' Nordbreite. Diese unfreiwillige Fahrt führte, wiebereits anderenorts berichtet wurde, zur Entdeckung des Franz Joseph-Landes.

Die Sorge um die durch zwei Jahre verschollenen österreichisch-ungarischen Nordpolfahrer gabVeranlassung zu mehreren Hilfsexpeditionen, welche zwar ihren Zweck nicht erreichten, jedoch zu wichtigenErgebnissen führten. Der Dampfer „Diana” unter Capitän Wiggins drang durch die Karische Pforteins Karische Meer, welches man bis dahin als beständig vom Eise blockirt hielt. Wiggins erreichtedie „Weisse Insel” vor der Nordspitze der Samojeden-Halbinsel und nahm schliesslich den Cursdurch die Waigatschstrasse zurück nach Norwegen.

Dieses unerwartete Resultat veranlasste den schwedischen Polarfahrer Erik Nordenskiöld, dasbegonnene Werk fortzusetzen. Am 8. Juni 1875 trat er seine erste Versuchsreise an. Nach vierzehntägigerFahrt traf Nordenskiöld auf dem „Pröven” vor Nowaja Semlja ein, fand jedoch dieDurchfahrten vereist. Erst Anfangs August konnte die Fahrt durch die Jugor’scheStrasse fortgesetzt werden. Es wurde das Karische Meer durchschifft und die Je-nisseimündung erreicht.

Andere solche Expeditionen folgten sich nun in kurzen Zwischenräumen. ImAugust 1876 trafen die Dampfer „Themse” und „Nordlicht” an der Jenisseimündungein, wobei freilich das erstere Schiff kurz vor seinem Reiseziele scheiterte. Im Jahre1877 drang der Dampfer „Frazer” bis Jenisseisk vor, während ein zweites Schiff, derDampfer „Louise”, aufwärts des Ob und des Irtysch steuerte und Tobolsk erreichte.

Damit war, wie Nordenskiöld erklärte, „der Handel zur See nach Westsibirieneröffnet”. So weit war man nun allerdings nicht, aber die Ergebnisse der bisherigenFahrten durch das Karische Meer gaben Veranlassung zu der grossen, epoche-machenden und wissenschaftlich erfolgreichen „schwedischen Expedition” unterFührung Nordenskiöld’s. Ein ausführliches Memoire an den König von Schwedenleitete das grosse Unternehmen ein. Für Nordenskiöld handelte es sich weniger umeine Entdeckungsfahrt, sondern um die Erschliessung der nordsibirischen Hilfs-quellen, und diese Erschliessung war nur mit der gleichzeitigen Eröffnung einerdirecten Seehandelsstrasse aus dem Atlantischen Ocean in den Grossen Oceannach den Küsten von Nordasien einerseits und stromauf der grossen sibirischenStröme nach den Stapelplätzen Tobolsk, Jenisseisk und Jakutsk andererseits möglich.Diese Städte sollten in unmittelbaren Seeverkehr mit den Hafenplätzen von Europaund Ostasien treten. Man sollte von Shanghai oder Yokohama direct nach Jakutsk,dem sibirischen Ultima Thule, mittelst Dampfer fahren. Solche Aussichten klangenabenteuerlich genug. Das Resultat der schwedischen Expedition aber war mehr alsverblüffend: eines der beiden Expeditionsschiffe Nordenskiöld’s, die „Lena”, erreichtein der That am 21. September 1878 nach achtwöchentlicher Fahrt von Tromsö wohl-behalten Jakutsk; das zweite Schiff aber, die „Vega”, erreichte die Beringstrasse unddamit den Grossen Ocean. Das Problem der „nordöstlichen Durchfahrt” war gelöst.

Diese epochemachende Fahrt verlief wie folgt: Die beidenvorgenannten Expeditionsschiffe gingen am 25. Juli 1878 vonTromsö aus in See. Schon am 6. August, also nach kaumvierzehntägiger Fahrt, war der Dicksonhafen ander Jenissei-mündung erreicht. Von hier brach die Expedition am 10. Augustauf, um nun in einen Abschnitt des arktischen Oceans einzu-dringen, der noch nie von einem Schiffe durchsteuert wordenwar. Nur neun Tage später, am 19. August, erreichten die„Vega” und die „Lena” das Cap Tscheljuskin, die nördlichsteFestlandsmarke der Erde. Die Ankunft bei dem Nordende derTaimyr-Halbinsel, das seit anderthalb Jahrhunderten von keinem

Silberne Ehrenmedaille für Nordenskiöld.

(Geprägt von der japanischen Regierung.)

Grillumme auf Nowaja Semlja.

Europäer und wahrscheinlich von keinem Menschen überhauptbetreten worden ist, wurde durch Flaggenhissen und Kanonen-schüsse gefeiert.

Nur einen Tag verweilte die Expedition bei Cap Tschel-juskin, um wissenschaftliche Beobachtungen anzustellen. Hieraufging es wieder ostwärts in das völlig unbekannte OstsibirischeEismeer. Am 28. August erreichten die beiden Schiffe dieLenamündung. Damit war die Hälfte des Weges zwischenNowaja Semlja und der Beringstrasse bewältigt. An der Lena-mündung erfolgte die Trennung der beiden Schiffe, indem die„Lena” stromauf der Lena nach Jakutsk fuhr, während die „Vega”mit Nordenskiöld an Bord die Reise nach Osten fortsetzte. DieTrennung war Ende August erfolgt. Am 21. September trafdie „Lena” in Jakutsk ein, wo sie überwinterte. Die „Vega”drang noch bis in die Nähe von Cap Serdzekamen vor, wosie am 16. September vom Eise „besetzt” wurde und daherüberwintern musste. Wäre Nordenskiöld vom Glücke begünstigtgewesen (die Eisverhältnisse nördlich von der Beringstrassewaren im Jahre 1878 aussergewohnlich schlecht), so würde ervielleicht an demselben Tage in den Grossen Ocean eingefahrensein, an welchem die „Lena” ihr innersibirisches Reiseziel er-reicht hatte. Im Frühsommer 1879 wurde die „Vega” vom Eisebefreit und Nordenskiöld bewirkte glücklich die Umschiffungvon Asien, indem er durch den Grossen Ocean und durch denIndischen Ocean mit dem weiteren Curs durch den Suezcanalund die Meerenge von Gibraltar die Heimreise bewirkte.

8. Wrangel-Insel. Die Entdeckung der NeusibirischenInseln durch den russischen Kaufmann Lj achow im Jahre 1770hat nicht verhindert, dass dieser Archipel bald wieder in völlige