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Weltverkehr. — B. Die Verkehrsmittel zu Land.
hafen für die Mississippidampfer. Er ist der grösste Flusshafen der Welt. Dort liegendie hochgebauten Riesenschiffe vor Anker, drängen sich riesige Flösse, welche aus demgetreidereichen Iowa und Illinois kommen. Das Strandleben ist hier von wahrhaft be-täubender Lebendigkeit. Grossartig ist das Bild von den riesigen Dampfern mit ihrenaufsteigenden Etagen und hohen Doppelschloten, wenn sie majestätisch und fast lautlosdie breite Wasserfläche hinab gleiten. In Rauchwolken gehüllt liegen die langen Uferzeilen.So weit das Auge reicht, drängt sich Schiff an Schiff, und sie alle finden ausreichendeFracht an Cerealien oder Holz, oder Baumwolle, Reis, Fleisch und Fleischconservenvon Chicago, Roheisen, Eisenwaaren, Steinkohlen und Petroleum von Pennsylvanien u. s. w.
Endpunkt der Mississippischifffahrt ist New-Orleans, circa 150 Kilometer oberhalbder Mündungen des Mississippi gelegen. Diese selbst waren bislang ein Hinderniss fürdie Hochseeschifffahrt und wurden der letzteren erst durch die in der zweiten Hälfte derSiebzigerjahre von dem Capitän James B. Eads durchgeführten grossartigen Regulirungengeöffnet . . . Auch anderwärts wurden auf den Strömen der Unionsstaaten durch dieKühnheit amerikanischer Techniker die mannigfachsten Hindernisse überwunden. So galtbeispielsweise der St. Lorenz-Strom bislang als unbefahrbar, seiner „Rapids” (Strom-schnellen) wegen. Schliesslich gelang es Dampfer zu construiren, welchen es möglichwar, ihren Weg durch dieselben tosenden Strudel, auf welche man bis dahin nur mitSchaudern geblickt hatte, gefahrlos zurückzulegen.
Donaudampfer.
Russlands. Das französische Flussnetz wimmelt von unzähligenDampfern; den Rhein beschiffen ganze Flotten, desgleichendie Donau und ihre Nebenflüsse, die grossen Ströme Russlands,vom Schwarzen Meer und vom Kaspimeer herauf. Deutscheund italienische Ströme sind belebt von pustenden Schloten,und selbst die kleinsten Binnengewässer können des Dampf-vehikels nicht mehr entbehren. Das hat sich deshalb so gestaltet,weil das Bedürfniss nach Verdichtung und Beschleunigung desVerkehrs zum Postulat unserer Zeit geworden war. Je mehrdie weiten Landflächen mit Schienengeleisen sich bedeckten,desto rascher steigerte sich der Dampfbetrieb auf Flüssen undStrömen. Heute ist dieses ganze reiche, mannigfaltige, vonEnergie und Arbeitsdrang getragene und von den materiellenMitteln der Völker unterstützte Leben zu Wasser auf dem euro-päischen Continent ebenso ein treues Abbild seiner Wohlfahrtund seiner civilisatorischen Errungenschaften, wie das dicht ver-schlungene Schienengewirre mit seinen hunderttausend Zügen,seinen Millionen Passagieren und Millionen Tonnen Gütern.
Ein wahrhaft imposantes Bild bietet die Flussschifffahrtin den Vereinigten Staaten von Amerika. Hier tritt dasgeographische Moment in den Vordergrund. Die amerikanischenBestrebungen nahmen von Anbeginn her ihre Richtung vonWesten nach Osten; das ist zugleich die Richtung der zahl-reichen und sehr bedeutenden Nebenströme des Mississippi,und diese waren es, welche zu Beginn unseres Jahrhundertszuerst von Flussdampfern befahren wurden. In Folge des Vor-wärtsdrängens der Amerikaner von der Atlantischen Küste nachdem fernen Westen, erlangte für sie der Mississippi erst inverhältnissmässig später Zeit eine gewisse Bedeutung. Er wurdezur Grenze der europäischen Civilisation, denn über den Missis-sippi westwärts hinaus lagen jene ungeheuren, von Indianer-horden, Prairien und Wäldern erfüllten Gebiete, welche derCivilisation erst erschlossen werden mussten. Diese Erschliessungaber konnte nur auf dem Landwege vor sich gehen und fieldaher der Locomotive zu. Erst dann, als das Sternenbannerüber den ganzen Erdenraum von Ocean zu Ocean flatterte, er-hielt der „Vater der Ströme” erhöhte Bedeutung als Handels-strasse. Wie der pacifische Schienenweg die Verbindung zwischenden beiden Oceanen im Osten und Westen herstellte, wurdeder Mississippi zur grossen, mitten durch das Riesenreichvon Nord nach Süd pulsirenden commerciellen Schlagader.
Der Mississippi ist fast seiner ganzen Länge nachfür Dampfer beschiffbar. Seine eigentliche commercielleBedeutung erhält er unterhalb seiner in der Nähe vonSt. Paul (Hauptstadt von Minnesota) gelegenen Wasser-fälle. Die grossen schwimmenden Paläste, welche von St.
Paul stromab verkehren, haben mitunter die enorme Längevon 110 Meter, bei einer Breite von 33 Meter. Der grosseSalon in der ersten Etage ist in diesem Falle bis 70 Meterlang und 7 Meter breit. Der Laderaum unterhalb der erstenEtage kann 6000 Ballen Baumwolle aufnehmen. Und solcherRiesen giebt es die schwere Menge. Sie kommen zumTheil von dem wasserreichen, die Industrie- und Agri-culturstaaten Pennsylvanien, West-Virginien, Ohio, Indiana,Kentucky und Illinois durchströmenden, beziehungsweisebespülenden Ohio herab, und gelangen bei Kairo in denMississippi. Von hier müssen die Dampfer, wenn es dieUmstände verlangen, eine Strecke stromauf des Missis-sippi, nach St. Louis, wo der schlammführende, schmutzig-gelbe Missouri seine Wassermassen mit den grünen, klarenWellen des „Vaters der Ströme” vermengt.
St. Louis, fast mathematisch genau im Mittelpunkte der Unionsstaatengelegen und ein bedeutender Eisenbahnknotenpunkt, ist der grosse Sammel-
Ein anderes Bild liefert uns Südamerika. Die Schifffahrtauf dem Amazonas wird ihre volle Entfaltung erst in künftigenTagen erfahren. Es sind noch nicht drei Jahrzehnte her, dassder erste Dampfer auf dem Amazonas sich blicken liess. DerSegelschifffahrt ist das ungeheuere Gebiet des Riesenstromesnoch heute verschlossen. Der Dampfbetrieb aber hatte sich indie Geheimnisse der Tropenwelt Brasiliens Eingang verschafft,und jetzt befahren wochenlang die Dampfer den Hauptstromund seine, die Grösse der Donau und des Rheins übertreffendenNebenflüsse.
Halten wir Umschau auf dem weiten Erdenrund, so machenwir die Wahrnehmung, dass namentlich in den aussereuro-päischen Ländern der Flussdampfer allenthalben als Vorläufer derLocomotive auftritt. Freilich handelt es sich hier nicht immer,ja in den seltensten Fällen, um eine förmliche Erschliessungder Erdräume, durch welche die grossen Ströme fliessen. Sobefahren beispielsweise den Nil Tag für Tag flinke Dampfer,aber sie dienen fast ausschliesslich dem Passagier-, d. h. demFremdenverkehr. Man denke sich den ungeheuren Gegensatzzwischen dem Nil und dem Mississippi — zwischen der Licht-spur einer verschollenen und einer in voller Entfaltung be-griffenen Cultur, zwischen uralten Mysterien und dem reichenLeben jener jungen Nation, die sich in kaum hundert Jahreneine Welt zu erobern wusste! Nirgends kommt die alle indi-viduellen Züge verwischende Bedeutung des Dampfbetriebesschärfer zur Geltung, wie in diesem Falle.
Und diese auffallende, nicht immer segenbringende Nivel-lirung aller Verhältnisse folgt dem Flussdampfer überallhin;sie folgt ihm auf den Wasseradern Indiens, auf dem Gangesund Indus, auf dem Brahmaputra und Irawadi, auf dem Mekongund auf den Riesenströmen Chinas — in letzterem Bereichenur als flüchtiger Culturbahner, dem der Erfolg nur momentanleuchtet und dessen Spuren wieder verloren gehen, wenn dasFahrzeug vom Schauplatze entschwindet. Während mit demSchienenwege ein dauerndes neues Leben erblüht, weil es ge-zwungen ist, sich an die Scholle zu heften, gestaltet sich dieWirkung des Wasserverkehrs zu einem Hauche der Civilisation,der rascher als man glaubt verweht.
Dampfer steuern nun auch den Jang-tse-kiang und den Hoang-ho hinauf;gleichwohl werden sie die dortigen Verhältnisse so wenig wie im Thale des Nil undanderwärts ändern. Soll der Genius unseres Jahrhunderts dort triumphiren, so muss
iSS
Rhein-Frachtschiff.