450
Weltverkehr.
B. Die Verkehrsmittel zu Land.
Es betrug: die Personenfrequenz 295,758.306, die Frachtbewegung 156,586.432Tonnen. Der Ueberschuss der Betriebseinnahmen 450,527.543 Mark (43*98°/ 0 derBruttoeinnahmen).
In Deutschland befinden sich heutzutage beiweitem diemeisten Eisenbahnen im Besitz des Staates, beziehungsweisein dem der einzelnen Länder. Am fortgeschrittensten in dieserBeziehung ist Preussen. Während Ende 1878 rund 4800 Kilo-meter Staatsbahnen, 3450 Privatbahnen unter Staatsverwaltungund 9430 Kilometer Privatbahnen unter eigener Verwaltung,insgesammt 17.680 Kilometer Eisenbahnen vorhanden waren,betrug die Länge der im Betriebe stehenden preussischenStaatsbahnen Ende März 1888 rund 33.411 Kilometer, die derPrivatbahnen nur noch 4573 Kilometer.
Selbstverständlich entspricht auch das preussische Eisen-bahnwesen nicht allen Wünschen und ist nicht über alle Kritikerhaben. Auf agrarischer und industrieller Seite bestehenWünsche betreffs Tarifermässigungen, welchen bisher nichtnach gekommen werden konnte. Uebrigens sind die Fracht-tarife der preussischen Bahnen niedriger als die der fran-zösischen und englischen Bahnen, wie überhaupt ein Vergleichdes preussischen Eisenbahnwesens mit dem von Frankreichund England nur zu Gunsten des Staatsbetriebes spricht.
c) Die Eisenbahnen Oesterreich-Ungarns. In Oesterreich er-tönte der Pfiff der Locomotive zuerst am 23. November 1837, undzwar auf der Nordbahnlinie Floridsdorf-Wagram; der grosseAufschwung des Eisenbahnwesens datirt indess erst von 1866 ab.Unzertrennlich mit der Entwickelung des österreichischen Eisen-bahnwesens ist die mit demselben verbundene Schöpfung derersten Alpenbahn, d. h. der Ueberschienung der Alpen-kette, und zwar am Semmering. Diese Linie wurde, nachAufwendung einer reichen Fülle von Studien und Erfahrungen,in Angriff genommen. Der Bau der Semmeringbahn wurde am8. August 1848 begonnen; am 23. October 1853, wurde sie inihrer ganzen Ausdehnung zum erstenmale von der Locomotivebefahren und am 17. Juli 1854 eröffnet.
Die Semmeringbahn bildete lange Zeit ein technisches Demonstrationsobjectder hervorragendsten Art. Die Bahn enthält 15 Tunnels von zusammen 4267 MeterLänge, wovon auf den Haupt- und Scheiteltunnel 1428 Meter entfallen. Von denViaducten, deren 16 vorhanden sind, ist jener über die Schwarza bei Payerbachder längste (228 Meter mit 13 Bogen), jener über die „Kalte Rinne” der höchste(46 Meter); einige Viaducte liegen in Steigungen von I: 45, fast alle in Krümmungen.Auch der Viaduct über die „Kalte Rinne” liegt in einem Bogen, und zwar in demlängsten der ganzen Bahn (639 Meter); dieser Bogen hat einen Mittelpunktswinkelvon 193*3°, greift also über die Krümmung des Halbkreises noch um fast 14° hinaus.Eines der charakteristischen Merkmale der Semmeringbahn ist der grossartige Auf-wand von Mauerwerk, in welcher Beziehung sich keine Bahn der "Welt mit ihr messenkann. Die gesammte Mauerung beträgt nämlich 610.533 Kubikmeter, so dass auf denlaufenden Meter der ganzen zweigeleisigen Bahn fast 15 Kubikmeter Mauerwerk ent-fallen. Die Wand- und Stützmauern nehmen eine Länge von 13 Kilometer ein!
"Wir haben es sonach hier im wahren Sinne des Wortes mit einer „gemauertenBahn” zu thun.
Auch in der Folge hat Oesterreich-Ungarn im Gebirgsbahnbau Grossartigesgeleistet. Mit dem Bau der Semmeringlinie fiel die Herstellung der Bahn über denKarst (zwischen Laibach und Triest) zusammen, w T elche den Ingenieuren eine Reiheschwieriger.technischer Aufgaben zur Lösung darbot. Dann erfolgte (1867) die Ueber-schienung des Brenner. Bei dem Baue dieser Linie wurde eine Reihe von Con-structionsformen und Hilfsanlagen angewendet, welche bis dahin auf keiner anderenBahn vorgekommen waren. Es kamen unter anderen hierbei zum erstenmale soge-nannte „Kehrtunnels” in Anwendung.
Die Brennerbahn, welche zwischen Innsbruck und Bozen in einer Länge von125*2 Kilometer - läuft, wurde in dem verhältnissmässig kurzen Zeiträume von 1864bis 1867 — in welche Bauzeit das Kriegsjahr 1866 fällt — fertiggestelit. Die Bahnhat 289 Curven von zusammen 6o*6 Kilometer, wovon 15-5 Kilometer den kleinstenKrümmungshalbmesser (285 Meter) aufweisen. Solcher Curven giebt es 77. In Bezugauf die Steigungsverhältnisse sind nur 11*6 Kilometer horizontale Strecken vorhanden,die ganze übrige Bahn ist in Gefällen und Steigungen angelegt, unter welchen diesteilsten Rampen mit 1:40 ( 25 °/oo) nicht weniger als 28*2 Kilometer einnehmen. DieZahl der Tunnels beträgt 22 mit zusammen 5232*7 Meter Dunkelraum.
Nachdem im österreichischen Alpengebiete noch andere schwierige Gebirgs-bahnen erbaut worden — die „Rudolfbahn”, die „Salzkammergutbahn” und die„Salzburg-Tirolerbahn” — wurde der Schienenweg durch den Arlberg hergestellt,eine der grossartigsten Eisenbahnanlagen in Europa. Die Arlbergbahn, welchezwischen Landeck und Bludenz in einer Länge von 137 Kilometer läuft, wurde 1880in Angriff genommen und am 1. September 1884 dem Verkehr übergehen . . . DieArlbergbahn ist charakteristisch durch ihre hohe Lage an den Thalwänden auf weite
Strecken und durch diedamit verbundenen gross-artigen Kunstbauten: Auf-mauerungen (mit Entwässe-rungsanlagen), Viaducte undThalübersetzungen.VonLan-deck aus aufwärts des Ro-sanathales erhebt sich bei-spielsweise die Trace aufeiner 7 Kilometer langenStrecke um mehr als 40Meter, im Maximum aberbei Wiesberg 86 Meter, woein Viaduct mit einer Haupt-öffnung von 115 Meter überdas Paznaunerthal setzt —die höchste Eisenbahnbrückein Europa. — Die Bahn hat11 Tunnels; der Haupttunneldurch den Arlberg ist 10.240Meter lang; der höchstePunkt des Tunnels und zu-gleich der ganzen Arlberg-linie liegt 1310 Meter überdem Meere . . . Die Wichtig-keit der Bahn liegt darin,dass durch sie das westlicheTirol und Vorarlberg mit denübrigen Ländern der öster-reichisch-ungarischen Mon-archie in Verbindung gesetztwerden. Noch weit bedeut-samer aber ist, dass durchsie ein directer Schienenwegvon der ungarischen Korn-kammer und von der ganzenunteren Donau und derenStromgebiet, sowie vonTriestund den Häfen des Adria-tischen Meeres nach demNordwesten Europas, ge-schaffen wurde. Der Frach-tenverkehr auf der Arlbergbahn hat sich in der That rapid entwickelt.
Das österreichisch-ungarische Eisenbahnnetz hatteim Jahre 1888 eine Ausdehnung von 25.576 Kilometer. Von derGesammtlänge aller Bahnen entfielen auf das österreichischeStaatsgebiet 59*4 auf das ungarische 40*56%; sie vertheiltensich unter 77 Besitzer, nämlich 6 Staatsverwaltungen (öster-reichische, ungarische, bayerische, preussische, sächsische —letztere drei natürlich nur kurze Anschlussstrecken — Staats-verwaltung und die bosnisch-herzegovinische Landesregierung),5 gemeinsame, 42 österreichische und 24 ungarische Actien-gesellschaften. Die Summe des verwendeten Anlagecapitals(vgl. S. 452) bezifferte sich Ende 1885 bei den österreichischenEisenbahnen auf 1.409,883.140 fl. (144.281 fl. per Kilometer), beiden gemeinsamen Bahnen auf 1.375,432.927 fl. (225.408 fl.per Kilometer), bei den ungarischen Bahnen auf 599,769.891 fl.(97.516 fl. per Kilometer), insgesammt daher auf 3.385,085.958 fl.(153.630 fl. per Kilometer). Im Jahre 1885 stellte sich dieRentabilität der österreichisch-ungarischen Eisenbahnen auf3*n%; im Jahre 1887 betrugen die Einnahmen 76*5 MillionenGulden (40 Millionen für die österreichischen Linien allein). DieBesserung hat auch im ersten Semester 1888 angehalten.
DieEisenbahnverstaatlichung in Oesterreich-Ungarn hat erstmit den Achtzigeijahren begonnen. Im Jahre 1888 waren 5286Kilometer in Oesterreich, 4645 Kilometer in Ungarn im Staats-betrieb. Das Reinerträgniss der österreichischen Staatsbahnen
Viaduct über die „Kalte Rinne” in der Semmeringbahn.
U r* f
Ki.nn.mir
«HBTOHttwwmjmiHni