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Die Erde in Karten und Bildern : Handatlas in 63 Karten nebst 125 Bogen Text mit 1000 Illustrationen / unter Mitwirkung hervorragender Fachmänner herausgegeben von der Verlagshandlung ; Karten-Gravure und -Druck von G. Freytag & Berndt
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Weltverkehr. B. Die Verkehrsmittel zu Land.

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2. Die Eisenbahnen Amerikas.

Das Eisenbahnwesen Amerikas zumal dasjenige der VereinigtenStaaten weist Formen und Einrichtungen auf, welche den culturellen Be-dingungen und Bedürfnissen und der ethnischen Individualität des Amerikaners(angelsächsischer Rasse) so streng angepasst sind, dass es von ganz anderenGesichtspunkten beurtheilt sein will, als das Eisenbahnwesen Europas. Dasbedeutsamste Moment in dem Unterschiede zwischen hier und dort liegt indem Gegensätze zwischen der alten Culturwelt Europas und der jungen Civi-lisation der neuen Welt. In Europa war der Dampfbetrieb im Verkehrslebendas Schlussstück eines langwierigen Werdeprocesses in den gesammten Cultur-bestrebungen. Die Amerikaner, welche in ein völlig barbarisches Land alsPionniere eintraten und die materielle und geistige Eroberung als ersten Zweckvor Augen hatten, konnten und durften nur so obenhin an den Normen deseuropäischen Eisenbahnwesens festhalten, waren aber im Uebrigen auf dieAnpassung dieser Normen an die jeweiligen Verhältnisse angewiesen.

a) Die Eisenbahnen der Vereinigten Staaten von Amerika.

Am ausgeprägtesten kam die Eigenart des amerikanischenEisenbahnwesens in der Union zum Ausdrucke. Die Grund-principien, nach welchen hierbei vorgegangen wurde, warenzugleich im gesammten wirthschaftlichen Leben maass-gebend. Wenn die Schienenwege, zugleich mit dem Stromeder Einwanderung und der von Osten nach Westen ge-wissermaassen sprungweise vorrückenden Civilisation, dieWildniss der Cultur erschlossen, so galt es nicht nur denMachtbereich der amerikanischen Union in räumlicher Bezie-hung zu erweitern, sondern diesem grossartigen Staatswesenneue Elemente des wirthschaftlichen Lebens zuzuführen. Darausentsprang frühzeitig der Gedanke, eine das ganze Unionsgebietdurchschneidende interoceanische Schienenverbindung ins Lebenzu rufen.

Der erste dieser Ueberlandwege als Schienenstrassen war die Union- undCentral-Pacificbahn, welche am io. Mai 1869 fertiggestellt war. Sie ist in ihrer Aus-dehnung zwischen Omaha und San Francisco 3003 Kilometer lang, mit Hinzu-ziehung der Anschlussstrecke Omaha-New-York 5260 Kilometer lang. Mit der Ent-wickelung eines engmaschigen Eisenbahnnetzes, mit welchem sich die durch ihreindustrielle Thätigkeit hervorragenden Oststaaten bedeckten, ergaben sich nach undnach die Richtungen anderer interoceanischer Schienenverbindungen, welche wenigüber ein Jahrzehnt nach der Eröffnung der ersten Pacificbahn vollendet wurden.

Diese grossartige räumliche Entwickelung brachte es mitsich, dass das Eisenbahnnetz in den Vereinigten Staaten vonAmerika eine ungeheuere Ausdehnung erhielt, die fast derHälfte der Länge aller Eisenbahnen der Welt gleichkommt . . .Es betrug nämlich im Jahre 1887 die

Eisenbahnzollamt in Russland.

Länge der Eisenbahnen der Erde .... Europas ....

in den Vereinigten

Staaten.

547.734 Kilometer207.199

242.492

Die nachfolgende Tabelle giebt eine Uebersicht der pacifi-schen Bahnen der Vereinigten Staaten von Amerika, mit Ein-schluss der Britisch-Nordamerika durchziehendenCanada-Pacificbahn.

Name

Eröffnungs-

Längein Km. derBahn vom

Längeder Bahn

von

Ausgangs-

punkt

Endpunkt

Scheitel-

punkt

der Bahn

termin

eigentlich.

Ausgangs-

punkte

New-York aus

der Bahn

in M.Seehöhe

1. Canada-Pa-

cificbahn .

Novemb.1885

4461

5071

Ottawa

Vancouver

1670

2.Nord-Paci-

ficbahn . .

8. Sept. 1883

3077

5203

St. Paul

Portland

1696

3.Union- undCentral-Pa-cificbahn .

10. Mai 1869

3003

5260

Omaha

S. Francisco

2512

4. Santa - Fe-Bahn . . .

17. März 1881

27 r 5

4875

Kansas City

Guyamas

2343

5. Atlantic-u.Pacificbahn

(unvollendet)

39 U

5631

St. Louis

S. Francisco

2224

6. Süd - Paci-ficbahn . .

12. Jan. 1883

4015

6251

N.-Orleans

S. Francisco

1368

Rigi-Scheideckbahn.

Trotz der grossartigen räumlichen Entwickelung des Eisenbahnnetzes in denVereinigten Staaten von Amerika und den damit verbundenen wahrhaft erstaun-lichen Triumphen der Technik ist die ökonomische Seite dieser Unternehmungenkeine glänzende. Der Eisenbahnbau und Eisenbahnbetrieb blieb hier vollständig derPrivatspeculation überlassen, welche möglichst systemlos vorging. Ungeheure Summensind in den amerikanischen Eisenbahnen verloren gegangen, die Tarifkriege nehmentrotz dem im Jahre 1887 ins Leben getretenenzwischenstaatlichen Gesetz zumSchaden der Bahnen, wie von Handel und Industrie kein Ende. Die Durchschnitts-dividende auf das in Eisenbahnactien angelegte Capital erreichte im Jahre 1886 in denVereinigten Staaten von Amerika nur 2*04%.

b) Die Eisenbahnen von Britisch-Nordamerika. Durch die imJahre 1885 vollendetecanadische Pacificbahn hat sich diesesungeheuere Gebiet im interoceanischen Verkehr von den Vereinigten Staatenunabhängig gestellt und zugleich dem Innern von Britisch-Nordamerikaeinen bedeutenden wirthschaftlichen Aufschwung gesichert. Sowohl derOsten, als der Westen des Gebietes sind reich an Naturschätzen. Zugleichist Halifax, der indirecte Ausgangspunkt der canadischen Pacificbahn, dienächste im Seeverkehr von Europa aus zu erreichende Kopfstation derinteroceanischen Schienenverbindungen auf amerikanischem Boden.

Eine techniscb merkwürdige und commerciell wichtige Eisenbahn ist die Schiffseisenbahnüber den Isthmus von Chiegnecto, welche die 27 Kilometer breite Landenge zwischen Neu-Braunschweig und Neu-Schottland durchschneidet und ihrer Vollendung entgegengeht. Der Betriebder canadischen Schiffseisenbahn wird in der Weise stattfinden, dass die Schiffe durch hydraulischeHebevorrichtungen auf Wagengestelle gehoben und diese mittelst grosser Locomotiven auf einer ent-sprechenden Geleisanlage über die Landenge gezogen werden.

c) Die Eisenbahnen Mexicos, Mittelamerikas und Westindiens. In den

romanischen Staaten von Amerika hat das Eisenbahnwesen spät Einganggefunden und sich sehr langsam entwickelt. Sieht man von der geringenEnergie des spanischen Elements in der Neuen Welt und von seiner ge-ringen Veranlagung zu ernster Culturarbeit ab, so darf nicht übersehenwerden, dass das Klima und die Landesnatur dem Eisenbahnbau grosseHindernisse entgegenstellten. Auf verhältnissmässig kurzen Strecken musstenvon der Küste aus Höhendifferenzen von Tausenden von Metern überwundenwerden. Dies war zunächst mit der Bahnlinie Veracruz-Mexico der Fall,welche bis zu einer absoluten Höhe von 2533 Meter emporsteigen musste.Nach dieser Leistung trat eine lange Pause ein, und das SchienennetzMexicos entwickelte sich nur langsam und schwerfällig. Erst im Jahre 1884wurde die erste grosse Ueberlandstrecke fertiggestellt. Sie durchzieht dasLand von Paso am Rio Grande im Norden (wo die Bahn an das Schienen-netz der Unionstaaten anschliesst) bis Mexico im Süden. InteroceanischeSchienenverbindungen sind geplant.

Unter den Eisenbahnen Mittelamerikas hat nur diejenige über den Isthmus von Panamaeinige Bedeutung, aber lange nicht diejenige, welche ihr als einem interoceanischen Verkehrswege von