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Weltverkehr. — D. Weltpost und internationaler Telegraphenverkehr.
Indischer Landbriefträger.
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Dass dieser Postdienst mitunter ein solcher von der primitivsten Art ist, ver-steht sich wohl von selbst. In Marokko beispielsweise laufen die Postboten dielange Strecke zwischen Tanger und Fas in vier, zwischen Tanger und Marrakesch(Marokko) in sieben Tagen ab. Sie nähren sich schlecht, nehmen mit einigen Feigen undeinem Stück Brot vorlieb und schlummern auf freiem Felde, ob Regen, ob schön.Um die Morgenstunden nicht zu verschlafen, heften die marokkanischen Postcouriereeine Art von Zündschnur an das nackte Fussgelenk, die in den Pausen, währendwelcher der Bote schläft, fortglimmt und, wenn sie abgebrannt ist, den Schläfer insehr fühlbarer Weise zum Aufbruch mahnt. Der Postcourier hält fast immer diegerade Linie ein; er durchwatet oder durchschwimmt die Flüsse, klettert über Berg-hänge, auf denen ein geübtes Maulthier straucheln würde, kriecht oft auf allen Vierenvorwärts, trotzt im Herbste ausgiebigen und anhaltenden Regengüssen, im Sommerder Hitze, im Winter dem Staube und dem Durst. So durchwandert und durchläuftdieser geplagteste Mensch im ganzen Kaiserreiche Marokko dieses letztere jahreinund jahraus fast seiner ganzen Länge nach von Nord nach Süd und umgekehrt.Kaum am Ziele angekommen, geht es wieder weiter, oh*ie Rast und ohne Ruhe.
Dass in den weniger civilisirten oder tropischen Ländern die Fussbotenmancherlei Fährlichkeiten ausgesetzt sind, versteht sich von selbst. Namentlich istdies überall dort der Fall, wo der Botengänger die Begegnung mit reissenden Thierenzu fürchten hat, wie beispielsweise in Vorderindien, wo Jahr für Jahr eine beträcht-liche Zahl von Postboten von Tigern zerrissen wird.
Sehr problematisch ist auch der Botendienst in den Negerländern Afrikas.Es muss daher geradezu Erstaunen erregen, dass Briefsendungen, welche beispiels-weise aus dem Innern der Sudanländer, oder aus der äquatorialen Region desdunklen Erdtheiles herrühren, die Küstenstädte überhaupt erreichen. Selbst ausLändern, welche in Folge der geographischen Lage der ersteren, oder durch Un-cultur und andere Hindernisse von der Aussenwelt hermetisch abgeschlossen sind,treffen, wenn auch häufig erst nach Jahr und Tag, briefliche Nachrichten ein.Mancher verschollene Afrikaforscher hat auf diese Weise ein Lebenszeichen von sichund Nachrichten über seine Thätigkeit dem Abendlande übermittelt. Sogar auf ein-samen Inseln inmitten des Oceans, oder an abgelegenen Seestrassen (wie beispiels-weise in der Magalhaesstrasse) befinden sich primitive Briefsammelkästen (Tonnen,Kästen u. dgl.), in welche von vorüberfahrenden Schiffern Briefschaften eingelegt,beziehungsweise ausgehoben werden.
Auch in Europa spielen die Botengänge eine Rolle. Der Vertrieb der Post-stücke auf dem flachen Lande, ja innerhalb des Weichbildes der Städte, wird nurvon Botengängern besorgt. In Frankreich soll die Jahresleistung durch Fussbotennoch immer 16 Millionen Kilometer, in Deutschland vollends 20 Millionen Kilo-meter betragen. In diese „Fussbotencurse” ist aber die Dienstleistung der Land-briefträger gar nicht einbezogen; diese letztere beträgt beispielsweise in Deutsch-land allein zwischen 150 und 160 Millionen Kilometer, welche von circa 20.000 Land-briefträgern zurückgelegt werden. Hierbei kommen mancherlei physiognomische Zügezur Geltung. Der Briefbote in den Landes , welcher Sümpfe und Tümpel zudurchschreiten hat, bedient sich hoher Stelzfüsse, welche an seinen Beinenangeschnallt sind. Auch das Zweirad und das Dreirad treten allmählichin den Dienst der Postcurse. In Britisch-Indien ist das Velpciped schon seiteiniger Zeit auf längeren Strecken in Gebrauch.
Neben den Fussboten spielen die Reitboten, trotz derihnen zukommenden grösseren Leistungsfähigkeit, einenur untergeordnete Rolle. Die Reitpost functionirt that-sächlich nur auf wenigen langen Durchgangslinien. Dielängste Strecke, welche bis zur Eröffnung des Suezcanalsvon reitenden Boten (auf Kameelen) zurückgelegt wurde,war die Ueberlandroute der britisch-ostindischenPost zwischen Beirut an der Küste von Syrien undBagdad. Reitende Postboten mit der kaiserlich ottoma-nischen Post durchmessen auch heute noch die langeStrecke von Aleppo über Djarbekr und Mosul bisBagdad (1200 Kilometer) in 8 bis 10 Tagen. Auch inRussisch-Asien finden noch immer auf ausgedehntenStrecken Reitpostdienste statt. In Vorderindien und inHinterindien dient vielfach die Elephantenpost zur Ver-mittelung des Schnellverkehrs.
Von grösserer Bedeutung als der Reitpostdienst istdas Postfuhrwerk, Selbst in den europäischen Culturstaatenspielt der Eilpostwagen oder der Postomnibus, trotz desfast allerorten engmaschigen Eisenbahnnetzes, noch eine
gewisse Rolle. — Um wie viel mehr ist dies in Ländernder Fall, welche ein gering entwickeltes Eisenbahnnetz,oder gar keine Schienenwege besitzen. Der längste Wagen-postcurs zurZeit ist wohl die sibirische Route zwischenTjumen am Ostfusse des Uralgebirges und Kiachta ander chinesischen Grenze. Russische „Tarantassen” durch-eilen im Fluge die unermesslichen Steppen Mittelasiens,argentinische Postkutschen mit drei bis vier PaarPferden die ausgedehnten Pampas. Auch in Indien undChina sind Postfuhrwerke in Gebrauch; dagegen sind siein Westasien und in ganz Afrika unbekannt. Die schwer-fälligen südafrikanischen Ochsengespanne dienen nicht zurVermittelung des Schnellverkehrs . . . Die gesammteJ ahr esleistung der Postfuhrwerke der Weltpost beträgtnach der Berner Statistik rund 450 Millionen Kilometer.
Die weitaus bedeutendsten, ja wahrhaft grossartigeLeistungen im Postverkehr kommen den Eisenbahnen undden Postdampfern zu. Um sich einen Begriff von der un-geheueren Menge von Poststücken, welche die Eisenbahn-züge und Postschiffe zu bewältigen haben, machen zukönnen, genügen wohl etliche Ziffern. Auf der Eisenbahn-route Köln-Verviers, welche dem Postverkehr zwischenDeutschland und England dient, sind auf einer einzigen Fahrtan 80.000 Briefe und Drucksachen und zugleich 1000 Ein-schreibebriefe zu sortiren, zu verpacken und, was letztere Sen-dungen betrifft, einzeln einzutragen. Es lässt sich daraus er-messen, welche Unmassen von Poststücken auf sämmtlichenEisenbahnen der Erde befördert werden.
Fast noch grossartiger ist der Seepostdienst. Im Jahre1886 betrug die Zahl sämmtlicher überseeischer Dampferlinienim Weltpostverkehr 147. Die englisch-indische Post, welchezunächst über den Canal, dann über Land bis Brindisi und vonhier zur See via Suez bis Bombay etc. befördert wird, umfasstbei jedem Postabgange oft über 800, im Jahre circa 50.000 Post-säcke, im Gewichte von rund 840.000 Kilogramm. Um dieseMassensendungen bewältigen zu können, mussten im Jahre 1883auf der durchgehenden Linie Brindisi-Mont Cenis 180 Extrazüge *abgelassen werden.
Zu den Hilfsmitteln der Post, wenn auch vorläufig noch in beschränktem Maasse,gehört auch die Brieftaubenpost. Sie ist noch wenig entwickelt und ist mehr einSportvergnügen, denn eine praktisch-nützliche Einrichtung. Immerhin kann die Brief-taubenpost in aussergewöhnlichen Verhältnissen, z. B. während eines Krieges, einwichtiges Verkehrsmittel werden. Ein Beispiel hiefür liefert der deutsch-französischeKrieg 1870/71. Damals wurden aus dem belagerten Paris 95.581 Botschaften mittelstTauben befördert, und über 60.000 Botschaften trafen in Paris ein. . . In Kriegs-zeiten hat sich auch die Bai Ion post als ausserordentlich werthvoll erwiesen. DieBallonpost des in den Jahren 1870 und 1871 belagerten Paris beförderte in 65 ab-gelassenen Ballons an 2 l j 2 Millionen Briefe.
Zahl der Postämter und der Postsendungen im Jahre 1886 .
Land
Zahl
der
Post-
ämter
Anzahlder Post-sendungen(Stück)
|
Land
Zahl
der
Post-
ämter
Anzahlder Post-sendungen(Stück)
Aegypten (1885) . .
Argentina.
Belgien.
Brasilien.
164
672
839
1.999
12-9 Mill.
44
6'9 r
48
Bulgarien und Ost-rumelien.
Chile.
Dänemark.
98
450
710
7-6 Mill.
363 n
86-6 „
Indischer Eilbote.