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Plaudereien : feuilletonistische Blätter / von Reinhold Rüegg
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und es schien auch sonntägliche Ruhe zu herrschen, in vielenLäden und Magazinen dauerte freilich diese Ruhe schon geraumeZeit. Im Bahnhof standen Posten der Rationalgarde, die höflichauf jede Frage Auskunft ertheilten. Ich gürtete die Lenden mitmeinen Papieren und befahl dem Kutscher, geradewegs nach demStadthaus zu fahren. Die Nase LeS Mannes, welche über demMund wie ein Sprungbrett hing, verlängerte sich ein wenig, dennohne Zweifel wollten nur wenig Ankommende gerade direkt zudieser Sehenswürdigkeit geführt werden. Er willfahrte, und fortgings, an der Julisäüle vorbei, die mit rothen Fahnen undKränzen geziert ist.

Wir sind zur Stelle. Ein mächtiger Kranz von Geschützen,darunter mehrere Mitrailleusen, umgibt das alte Hauptquartierder Revolution.

Mein rother Bädeker sagt:Die revolutionäre Bedeutungdes Hotels de Ville ist nur noch ein geschichtliches Faktum, seitdieser Palast mit den Tuilerien durch die breite Rivolistraßc ver-bunden ist." Es ist doch verdammt wenig weit her mit allemProphezeien! Ja freilich, Louis Napoleon hat das geglaubt, erhat auch hinter dem Gebäude dieschöne" Kaserne Napoleon er-richtet, welche mit jenem durch unterirdische Galerien in Ver-bindung steht.

Ach,.wie bald, ach, wie bald, schwindet Schönheit und Ge-walt!"

Die Mündungen der Kanonen gähnen nicht gerade an-muthig den Kommenden an, aber der Schrecken wird dadurchetwas gemildert, daß dicht vor den Rohren fröhliche Kaffee- undLimonadenverkäufer sitzen, die ihre Erzeugnisse mit einer Ruhe aus-rufen, als sei da drinnen im Haus eine fröhliche Hochzeit. Aufden Thürmen flattern die rothen Fähnchen im Morgenwind, undin trotziger Schönheit blickt das an der Front angebrachte Bildder Freiheit auf die summende Menge hinunter. Nationalgardenin allen möglichen Kostümen und mit Gewehren von dem vor-sündfluthlichen Verlader bis zum Remington und dem elegantenChassepot gehen und kommen ab und zu. Die Wache am Thor