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Eine alte Schweizerin erzählte mir in schlichter, schmuckloserWeise, was sie über die Belagerung ausgestanden. Ihr Mann,ein Franzose, hat sich in dieser Zeit auch den Keim zum tödtlichenBrustübel geholt; jeden Morgen um 7 Uhr fand die Austheilungdes Fleisches Statt, und wer nicht riskiren wollte, mit leerenHänden abzuziehen, mußte schon Morgens 3—4 Uhr sich auf demPosten einfinden, um bei schneidender Kälte etliche Stunden zuwarten. Der Urheber dieser weisen, erst in den letzten paar Wochenabgeänderten Einrichtung, Herr Jules Ferry, schlummerte derweilenim weichen Pfühle.
Die alte Schweizerin ist eine begeisterte Anhängerin derKommune und freut sich über den „Mordskerli" Rochefort. Daihr Mann wegwerfend bemerkt, der Herausgeber des „Utzrs vn-eüens" sei ein Lump, der nichts besitze, so sagt sie in ihremDialekt: „So isch es z'Paris. Bis ane gnueg g'stolle hät, ist eren Lump. Nünt as das verdammt Geld ist d'Sach, en Jederemänt, er chönnt um e paar Centimes cho. O die maudits Geld-säck, wenn's nu au s'Commune Word günne!"
Die Frau ist nie in den Salons der Pariser Philosophengewesen, aber offenbar steckt in ihren Worten weit mehr richtigesUrtheil, als in den zierlich gedrechselten Wehklagen großer Literaten.Der Egoismus in seiner häßlichsten Form sitzt dem französischenund speziell dem Pariser Kleinbürgerthum in den Knochen. Vondieser Seite her wird's Denunziationen regnen, liegt einmal dieKommune am Boden.
Auch in Zeiten des ärgsten Despotismus ist dem Pariser dieLust zur Satyre nicht abhanden gekommen, und sie trat vorzugs-weise in der Karrikatur, im Couplet und im Chanson zu Tage;Beranger ist ja der Chansonnier, der sich, gewissermaßen durchVeredelung des Gassenhauers, die Unsterblichkeit erworben hat. Dieallerchristlichsten Könige Frankreichs sahen es auch nicht immerungern, wenn sich die Wolke des Grolls der Frondeurs in solchenmehr oder minder seinen Hagelkörnern entlud, und Kardinal