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Plaudereien : feuilletonistische Blätter / von Reinhold Rüegg
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schätze ehrwürdiger, als ein im reinsten gothischen Styl erbauterDom. Aber diese Büchereien haben auch ihre gelehrten Tücke insich und bergen oft mit sorglicher Hand Erzeugnisse, die ihr Ur-heberinnig" bedauert. So habe ich aus dem Jahr 1848 einenGruß an Frankreich" gefunden, dem ich folgende Stellen ent-nehme :

' Der Morgen öffnet feine goldnen Thore,

Stolz glüht im lichten Scheine der Montmartre;

Ein neuer Arrarat der Menschheit ward er,

Ein Regenbogen strahlt die Trikolore.

So hat vor Allen Dich der Herr erkorenDu stolzes Frankreich, daß aus Deinem BodenGekräftigt durch der Freiheit heil'gen Oden,

Ein neu Geschlecht der Erde ward geboren.

Also geschehn noch Zeichen heut und Wunder,

Die Erde bebt und Königreiche zittern;

Der Freiheit Sonne bleicht der Krone

Flitter,

Und morsch zerreißt des Purpurmantels

Plunder.

Ja wohl geschehen noch Zeichen und Wunder, denn derFreiheitswütherich, der uns dies Liedlein sang, ist heute wohlbe-stallter Redakteur derNordd. Allg. Ztg.", Herr August Braß,kaiserlich königlicher Apostat, der errathend den Spuren Bis-marcks folgend, als politisches Orakel alle Welt in Spannungerhalt und für die Demokraten stets ein paar Cynismen in Be-reitschaft hält. Noch ein zweites Flugblatt, das er unmittelbarnach der Berliner Revolution andie guten Berliner" erließ,habe ich vor mir gehabt. Mit fein stndirter Naivetät haran-guirt der Demagoge Bürger und Arbeiter zum festen Zusammen-halten, und als ahne ew seine künftige große Bestimmung, wirfter den Schlußsatz hin:Die Reaktionäre mögen dahinten bleiben,wenn ihnen die royalistischen Hühneraugen wehe thun, wir abergehen vorwärts in brüderlicher Eintracht. Die Hand drauf undein Schuft, der nicht Wort hält!"