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bilden, es handle sich um eine bloße Erbauungsstunde, gehen etwaim einfachen Hauskleide hin — aber auch nur ein erstes Mal.Der Anblick dieser bunten, gänzlich »»klösterlichen Kostüme, dieGarnituren, Spitzen und die kühnen, von weltlicher Phantasieerfundenen Trachten der jüngeren Frauenzimmer, namentlich jeneoben etwas zu früh aufhörenden Röcke, überzeugen die naivenLandmädchen, daß züchtige Kleidung und demüthiges Auftretennichts weniger als Vorbedingungen zum Eintritt sind.
Für den nicht mit evangelischen Augen die Sache Betrachten-den hat die Szene einen recht fröhlichen Charakter; sie erinnertihn unwillkürlich an das Arrangement zu einem Ball. Munterplaudernde und lachende Dämchen eilen die Treppe auf und nieder.Wohlgerüche durchduften das Haus, der Salon ist prächtig be-leuchtet und die halbgeöffnete Thüre des Speisezimmers gewährteine verlockende Aussicht auf einen leckern Fraß L 1a russs.Ziemlich nahe der Thüre stehen etliche junge Herren, die ausmannigfaltigen Gründen bei der Feier sich eingefunden haben;sie schwatzen zusammen, wispern sich galante Zötchen in die Ohren,erzählen die neuesten Abenteuer, was sie im Spiel verloren u. s. f.Der Vater des Ersten ist ein hervorragender Geistlicher, der desZweiten ein Advokat, der des Dritten vielleicht ein Mediziner, undsie hegen alle denselben glühenden Wunsch, durch ihr pünktlichesErscheinen die väterliche Liebe zur Bezahlung ihrer Schulden an-zuspornen. Haben sie sich dem Herrn und der Dame des Hausespräsentirt und einige Worte mit denselben gewechselt, so drückensie sich, wie die Vorstellung begonnen, elegant, doch sachte zurThüre hinaus, eilen die Treppe hinunter und stecken sich untenin der Gasse eine Zigarre an und bleiben, bis sie den Augenblickfür gekommen glauben, da man sich hinter den Fraß macht, undin der Regel kommen sie nie zu spät. — Wenn's nicht ein Ballist, so ist hier ein Konzert in Aussicht, denkt der »»evangelischeBeschauer, indem er die langen Reihen von Sesseln überblickt.Wieder nicht errathen, denn es fehlt ein Orchester, auch nichteinmal ein Piano hat Platz gefunden. Ein Liebhabertheater?Ach nein, wo sollte Raum sein für eine Bühne! Wird hinter