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Plaudereien : feuilletonistische Blätter / von Reinhold Rüegg
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Besuch der modernen Bäder erfordert'? wie zu einem Krieg 1)Geld, 2) Geld und 8) verflucht viel Geld, und mancher glück-liche Gatte besitzt leider nur den Platz dazu.

Ach, es muß für den Zürcher Bürger einst göttlich schöngewesen sein, zur Sommerzeit mit dem ganzen Haus, mit Kindund Kegel, zu Schiff nach Baden hinunterzufahren, und dort inbehäbiger Fröhlichkeit sich von den Regierungssorgen zu erholen,welche ihm das ganze Jahr über die Landleute, resp. deren be-schränkter Unterthanenverstand, verursachte. Er brauchte wederBädecker noch Tschudi, denn die 1506 von Schultheiß und Rathbestätigte Polizeiordnung setzte fest:Fragte ein Gast, wo gutZehrung were, soll vnd mag ein Knecht vnd sin Wib wohlreden an allen Orten und Enden" (in allen Wirthshäuserngleich gut), fragt aber ein Gast mit Namen in ein Haus,das soll man ihm wisen und sagen."

Da man in der guten, alten Zeit ganz massiv glaubte,liebte und trank, so konnte es nicht fehlen, daß die daheim mitfeierlichster Grandezza ihr Zöpfchen tragenden Städter gern indem fröhlichen Baden sich einfanden, weil sie hier ihr Müthchenkühlen konnten, ohne vom Auge der Zensoren überwacht zuwerden, so ungefähr wie heute die englische Respektabilität, diedaheim bis an die Zähne hinauf mit Traktütchen, Missions-schriften rc. bewaffnet, den Sonntag über Psalmen blöckt, dannaber mit beginnender Saison eiligst nach dem Kontinent geht, umim Jardin Mabile zu Paris und andern süßen Herbergen derFreude sich für die Pein zu entschädigen. . . .

Ich besitze einen alten Holzschnitt: Die Flucht von Adamund Eva aus dem Paradies. Die beiden haben es sehr eiligund wären zu ihrer Zeit die Eisenbahnen schon erfunden gewesen,so würde ich schwören, daß sie noch auf den Winterthurer Zugwollen. Die Eva ist mit Grün ganz artig drapirt; Herr Adamdagegen hat in seiner Paradiesesunschuld nichts als einen Frackmitgenommen und zu alledem noch denselben verkehrt angezogen.Kein Wunder! Am Paradiesgatter steht der bekannte Cherub mitdem flammenden Schwert und aus den Wolken herunter schaut