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ist der Mangel an Selbsterkenntnrß, ist die bewußte und unbe-wußte Lust, sich selbst vorzufabuliren, man habe ein Großes ge-than, wenn man das ausnahmsweise thut, was als Regel ge-schehen sollte. Es gibt keinen einzigen wahrhaft großen Charakterin der Weltgeschichte, der nicht der Freiheit zugethan war.Wohlan, ist denn anzunehmen, die Blüthe menschlicher Intelli-genz sei einem bloßen Wahne ausgeliefert, oder dürfen wir nichteher glauben, daß der von unseren Geistesheroen begangeneWeg dem Sonnenaufgang entgegenführe? . . . Da können wir,will uns der Kleinmuth am Kragen fassen, ein Beispiel nehmenan den ungarischen Bauern im Revolutionsjahr 1848. Wenndie Beamten ihnen vorstellten, das von der revolutionären Re-gierung ausgegebene Papiergeld werde sich total entwerthen, siemöchten's also schnell herausgeben, dann drehten jene die Schlüsselan ihren Kasten erst noch einmal um und sagten: „Macht nix,muß doch wieder andersch werden."
Jeder an seinem Ort mag drum zu Schaufel und Hackegreifen, es gibt allenthalben genug Winkel abzutragen und Löcherauszufüllen, und wenn Einer als braver Mann gelten will, sosoll er Hand anlegen auch ohne definitive Zusage, daß er Ge-meindrath oder Bezirksrichter und weiß Gott noch was „dafür"werden soll. Aus dieser geräuschlosen, stillen, aber unverdrosse-nen Einzel-Arbeit setzt sich das große, ganze Werk des Fort-schritts zusammen; die zwingende Macht des letztem liegt ja ebenin der Arbeit der durchgeisteten Masse. Nur als Frucht derArbeit und nüchternen Ueberlegung wird die wahre Völkerver-brüderung geboren, in Leren Glanz die alten National-G ö tz e n-bilder erbleichen. Eine „Verbrüderung der Nationen", der Herrenim schwarzen Frack, mit Bändelchen im Knopfloch und dem schäu-^wenden Champagnerglas in der Rechten zu Gevatter stehen, istmehr oder minder eine simple Posse, die nicht verhindert, daßDiejenigen, welche heute einander ein dreifaches Lebehoch aus-bringen, morgen jubelnd zusehen, wie mobil gemacht wird . . .
Und doch ist Gott! läßt Lessing seinen Nathan sagen. Unddoch ist die Freiheit! sagen wir. Wo wir hinschauen, regt sich's