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Beiträge zur physischen Geographie der Ostsee / von Carl Ackermann
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III. Physikalisches.

Gase des Ostseewassers.

nähme des Sauerstoffs im Tiefenwasser lässt sich freilich nicht inAbrede stellen, doch ist diese Abnahme nicht der Tiefe proportional,sondern sehr durch lokale Bedingungen beeinflusst. So müssen z.B.Strömungen, welche in Folge der bedeutenden Schwere ihres Wasserssehr lange ohne erhebliche Vermischung mit anderen Wasserschichtenin der Tiefe verweilt haben, eine sehr bedeutende Verringerung desSauerstoffs zeigen, da sie ohne genügenden Ersatz fortwährendSauerstoff zur Oxydation der im Wasser und am Meeresgründe be-findlichen oxydirbaren Stoffe abgeben. Ein Beispiel dieser Art stelltder Unterstrom des Grossen Belts dar, wo bereits in einer Tiefevon nur 45 m der Sauerstoff so vermindert war, wie es in gewöhn-lichen Fällen erst in Tiefen von mehreren hundert Metern derFall ist.

Noch ein anderer Umstand trägt dazu bei, den Sauerstoffgehaltdes Tiefenwassers an manchen Örtlichkeiten in übermässiger Weisezu verringern, nämlich ein reich entwickeltes Thierleben innerhalbtiefer, kesselförmiger Einsenkungen. Dies wurde z. B. in einerkleinen 34 m tiefen Mulde des Meeresgrundes der Apenrader Bucht(9. September 1872) beobachtet, wo der Sauerstoff nur 29,22 %des kohlensäurefreien Gasgemisches ausmachte, und in noch stärkeremMasse in einer ähnlichen Vertiefung des Kieler Meerbusens, wo (am6. November 1872) sogar nur 16,55 % gefunden wurden. In beidenMulden lagen auf dem Grunde viele modernde Substanzen und derGrund roch stark nach Schwefelwasserstoff. Die Verhältnisse indiesen Mulden sind also analog den Verhältnissen der Luft in langeabgeschlossenen, stark besuchten Zimmern.

Trägt man den oben angegebenen Beeinflussungen des Sauer-stoffs Rechnung, so gewinnt die Vermuthung immer mehr an Wahr-scheinlichkeit, dass im Tiefenwasser die Summe von Sauerstoff undStickstoff gleich sei derjenigen Menge dieser Gase, welche dasTiefenwasser bei seiner Temperatur besitzen muss, wenn es sich ander Meeresoberfläche befände, minus der etwa verbrauchten Sauer-stoffmenge. Aus dieser Annahme folgt weiter, dass sich einmal dasTiefenwasser mit nahezu derselben Temperatur, welche es in derTiefe besitzt, an der Meeresoberfläche befunden haben muss, einUmstand, der für die grossen Tiefen der Oceane unter den Tropensehr wichtig ist, da das kalte Wasser hienselbst in diesem Fallenur aus arktischen Gegenden stammen kann, indem hier eineCirkulation von oben nach unten ausgeschlossen ist.