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Die Sintfluthsagen / untersucht von Hermann Usener
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VI Vielfältigkeit tler mythischen bilder

oder vielmehr unmöglich sein, wenn es nicht in so vielenfällen einfachere, alterthümlichere, von dem umbildungstriebeder dichtung unberührte gestaltungen des mythos gäbe, diesich zur Vergleichung darbieten und den kern der entwickel-ten, dh. von der dichtung überwucherten sage zu erkennengestatten.

Was in diesen einfacheren gestalten leichter erkennbarist, das ist, was wir mythisches motiv zu nennen pflegen:das einfache bild, unter welchem das mythenbildende volkeine eindrucksvolle Wahrnehmung oder lebenserfahrung auf-fasste und festhielt. So ist der Wechsel von tag und nachtunter dem bilde des kampfes und der verjagung oder tödtungangeschaut worden; die Wahrnehmung der schwarzen wölken,des gewitters und des wieder aufgeklärten himmels hat zurVorstellung eines kampfes des reisigen himmelsgottes widerfeindliche dämonen geführt.

Das mythische motiv theilt mit allen bildern die beideneigenschaften der Vielfältigkeit und der mehrdeutigkeit.

I

Jedes ding, jede erscheinung der aussenwelt, wodurchmenschliche empfindungen öfter stark erregt werden, drängtzu immer neuer bildlicher Veranschaulichung. Schon derselbemensch, dieselbe zeit wird einer bedeutungsvolleren erschei-nung gegenüber sich in einem bilde selten genug thun. Nochmehr gibt der Wechsel von ort und zeit und mit ihm desVorstellungsinhaltes anlass zu fortgesetzter erneuerung derbilder.

1 Die alte Wahrheit, dass aller segen von oben kommt,hat sich den ahnen unserer Völker zu der Vorstellung deshimmlischen Schatzes verdichtet, des unversiegbaren, un-erschöpflichen urquells alles segens und reichthums 1 ; es ver-

1 Plautus Pseud. 628 (il 2, 33) 'si quidem hercle etiam supremipromptas thesauros Iouis 1 vgl. Apokalypse des Baruch 10,11 bei Fritz-sche Apocr. V.T. p. 658 'et uos, caeli, retinete rorem uestrum neque