194 VI Mehrdeutigkeit mythischer bilder
hymnus die 50 monate der pentaeteris h Die rinder derhimmlischen herde sind also als bild erst der tage, dannder monate gefasst worden.
Wir überzeugen uns leicht, wie misslich es ist fürjedes mythische bild eine sinnliche unterläge suchen zu wol-len ; man muss in künsteleien und kindereien verfallen, wennman ein bild, das durch einen mittelbegriff veranlasst ist,wie die rinderherde als bild des lichtes durch den begriffdes himmlischen Schatzes, unmittelbar aus einer sinnlichen,anschauung abzuleiten unternimmt 1 2 . Aber noch etwas ande-res tritt uns entgegen, worin auf den ersten blick allerdingsdas mythische bild einen unterschied von den gewöhnlichenverräth. Wenn man sich in die redeweise dieser alten dich-tungen versenkt, muss man fühlen, wie das mythische bildin der Vorstellung der dichter ein leben für sich gewonnenhat. Diese bilder sind lebendige gestalten, die ohne rück-sicht auf die zu gründe liegende anschauung wie aus demursprünglichen Zusammenhang gelöst ihre eigene bewegungs-fähigkeit besitzen. Das ist der grund und die Voraussetzungfür die wunderbare triebkraft, die das mythische bild in derausgestaltung zu mythen beweist. Die gewöhnlichen bilderzeigen eine entsprechende aber gerade umgekehrte eigen-schaft: auch sie erlangen selbständiges dasein, aber so, dasssie mit dem begriffe, den sie veranschaulichen sollten, aufdas engste verschmelzen und sich an seine stelle setzen,dergestalt, dass sie schliesslich nicht mehr als bildliche aus-drücke empfunden werden.
1 Nikander bei Antonin. Lib. 23 Hom. h. in Merc. 74. 192 ff.Es bedarf keines Wortes, dass der bericht des Nikander auf ältererquelle fusst als der Hom- hymnus: die pentaeteris ist erst seit derneuordnung der Pythien 586 eine populäre form der Zeitrechnung ge-worden.
2 Ich wende mich hiermit gegen AKulm Entwicklungsstufender mythenbildung s. 131. Die vergleichende mythologie hat geradedurch dieses streben, die mythischen bilder unmittelbar auf sinnlicheVorgänge zuriickzuführen, sich selbst geschädigt.