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VI Mehrdeutigkeit mythischer bilder
und leben an die stelle von winter und sommer, vermuth-lich an demselben feste, an dem sonst der kampf zwischensommer und winter gefeiert wurde, gesetzt worden.
Die umwerthung des bildes erfolgte bei diesen gegen-sätzlichen paaren nicht bloss wie sonst auf dem wege deranalogie: wie tag und nacht, so verhalten sich sommer undwinter. Diese paare stehen vielmehr in einem engeren ver-hältniss zu einander. Sie werden nicht nur durch die gleich-artigkeit desselben bildes zusammengehalten, sondern ver-mögen selbst eines dem anderen als bild zu dienen: die nachtist der tod des tages; schon nach Sophokles 1 muss die nachtsterben, um Helios zu gebären, und sie ist es hinwiederum,die den flammenden zur ruhe bringt; und in derselben weisekönnen die übrigen bestandtheile der reihe in beziehung zueinander treten. So konnten neue mythische paare zusammen-gestellt werden aus gliedern verschiedener gruppen. Die Über-lieferung Spartas kennt ein altes götterpaar Lykos und Chi-maireus 2 , den lichten tag und den winter; in Böhmen unddem östlichen Deutschland wird zu mittfasten der tod (czech.smrt ) ausgetragen und der sommer eingebracht 3 . Noch inanderer weise ist der regelmässige Wechsel von tag und nachtvorbildlich geworden. Man hat diese anschauung auf dentag selbst übertragen: die zeit der aufsteigenden sonne istdie helle oder lichte, die der absteigenden sonne (nachmit-tag und abend) die dunkle hälfte des tages; jene ist denhimmlischen göttern, diese den unterirdischen und todten,den heroen geweiht 4 . Und zu derselben beobachtung gabder mondlauf anlass; wie tag und nacht, wie die beiden hälf-ten des tages, so schienen sich die Zeiten des zunehmendenund des abnehmenden mondes zu verhalten; eine menge vongebrauchen und abergläubischen Vorstellungen ist dadurch
1 Sopli. Trach. 94 “Ov aiö\a Nü? tvapiZoutva tiktsi Kaxeu-vdZei re qjXoyiZöpsvov, "AXiov kt\.
2 s. Ehern. mus. 53, 374.
3 JGrimm, Deutsche myth. 726 f. 730 f.
4 s. Götternamen 186 ff.