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Die Sintfluthsagen / untersucht von Hermann Usener
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197
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tag und nacht, götterland

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bedingt. Der Wechsel von tag und nacht ist eine der wur-zelhaften Vorstellungen, die weit und lange hin ihre trieb-kraft bewahrt hat.

4 An einer anderen reihe, die uns als beispiel dienenmag, können wir nun die weitere beobachtung machen, dassein einmal entwickeltes und ausgeführtes bild zur wurzelsogar neuer Vorstellungen werden kann. Es wird dann dasbild nicht etwa auf verwandte Vorstellungen übertragen unddadurch umgewertliet, sondern die mythologische logik, wennwir uns diesen widerspruchsvollen ausdruck erlauben dürfen,erschliesst aus der vorhandenen Vereinigung von bild undVorstellung neue gleichbildliche Vorstellungen. Eine solchewurzelhafte Vorstellung ist die wohl allen gliedern unseresVölkerstammes gemeinsame vom Wohnsitze, dem berg oderland der götter. Schon die Odyssee (Z 42 f.) schildert denOlympos, wo, wie die sage geht, der götter ewig unerschüt-terlicher Wohnsitz ist: weder von winden wird er geschüttelt,noch je von regen benetzt, noch stöbert schnee über ihn,sondern ganz wolkenlose heitre ist über ihn gebreitet, undweisser Schimmer läuft über ihn: dort führen die seligengötter alle tage ihr freudenleben. In dieser beiläufigen Schil-derung ist alles wenigstens im keime vorhanden, was diemenschliche einbildungskraft ersinnen konnte, den Wohnsitzder götter würdig auszugestalten: das ewige helle licht, dermangel aller Störungen der atmosphäre, ein dasein in dauern-der, ungetrübter freude. Von selbst wachsen daraus dieweiteren züge des bildes: der ewige frühling, der ungetrübtefriede, der unerschöpfliche vorrath oder das unwillkürlichewachsen aller lebensbedürfnisse, die fülle aller genüsse, worander mensch freude haben kann. Ein solches ausgeführt eresbild gibt Claudianus 1 von dem heiligen berge der Venus aufKypros:

hunc neque canentes andent uestire pruinae,

hunc uenti pulsare timent, hunc laedere nirnbi.

luxuriae Venerique uacat. pars acrior anni

1 c. x de nuptiis Honorii et Mariae v. 52 ff. p. 128 Birt.