204 VI Mehrdeutigkeit mythischer bilder
nicht durch den umstand für erledigt halten können, dassderselbe himmelsgott Yama, der dem Inder herr des todten-reiches und führer der todten ist 1 , bei den Eraniern alskönig des goldenen Zeitalters Yima gilt. Hier scheint, wennnicht etwa durch blossen zufall uns die Vedische Überliefe-rung versagt, in der that die Vorstellung vom jenseits dieursprünglichere zu sein. Allein wir dürfen nicht vergessen,dass in den anfang aller Völker götter gestellt sind. Der in-dische Manu, der erste mensch, hiess wie Yama sohn desSonnengottes Vivasvat. Den Griechen ist Deukalion dh. wiewir gesehen, der jugendliche Zeus Stammvater des menschen-geschlechts und Kronos selbst, der könig des goldenen Zeit-alters, ist als zeitiger und reifer der frtichte 2 eine spätervon dem umfassenden begriff des Zeus aufgesogene gottheit.Es ist nur eine nachträgliche lösung des Zwiespaltes, dentheologisches grübeln ersonnen, wenn Kronos mit seinen Ti-tanen von Zeus und den Olympiern entthront und auf dieSeite geschoben wird. Seine beziehung zum goldenen zeit-alter hat ganz den anschein ursprünglich zu sein; sie konntejenen theologischen aftermythus erleichtern, aber nicht ver-anlassen. Aber soviel wird nun klar sein: die Vorstellung,dass götter im anfang der dinge auf erden geherrscht unddie ersten menschen gewesen seien, trägt in sich selbst denkeim und die Voraussetzungen zum glauben an ein goldenesZeitalter. Und so kann in der that der vorstellungskreis desgoldenen Zeitalters unmittelbar aus dem bilde des götterlandesabgeleitet sein und bedurfte der Vorstellung vom jenseitsnicht zur Vermittlung. Das land der seligen und das goldeneZeitalter können sich imabhängig neben einander aus der-selben Wurzel entwickelt haben.
Ueber das elend des daseins lässt sich der mensch aufdie dauer nicht durch die hoffnung aufs jenseits hinweg-täuschen. Die immer wachsende Verschlechterung aller lebens-
1 3. JEhni, Der vedische mythus des Yama (Strassb. 1890) s. 94 ff.
2 Götternamen s. 26 f.