Band 
Zweiter Theil.
Seite
14
JPEG-Download
 

14

dichte heraus. Neben Bodmer und Breitinger, die ihmBeifall zollten, glänzte Albrecht Haller als Reforma-tor der deutschen Dichtkunst. Gleichmäßig über die zweiGebrechen jener Zeit erhaben, die wohlklingende Alltäg-lichkeit der Gedanken und die gekünstelte Ueberschweng-lichkeit, schwebte Hallers Muse, durch Religion und Va-terlandsliebe getragen, immer kräftig und warm, mehrim Gebiet sittlicher Kerngedanken, als in demjenigen derEinbildungskraft. Sie enthüllte den Schweizern die Reizeihres Vaterlandes, das Geheimniß es zu lieben, indemsie lehrte ihm zu dienen, so daß ihr Antlitz bald vonSchamgefühl, bald von tugendhafter Entrüstung erglühte.Seine männliche Sprache weckte das Gewissen der Bür-ger, Landeshäupter und Mütter seines freien Vaterlandesauf. Wie viele die sich später als edle Vaterlandsfreundeauszeichneten, versprachen schon damals als Jünglingeihrer Heimat eine bessere Zukunft, getroffen von desDichters Vorwurf:

Jetzt sinken wir dahin, von langer Ruh erweichet,

Wo Rom und jeder Staat, wenn er sein Ziel erreichet!

Das Herz der Bürgerschaft, das einen Staat beseelt,

Das Mark des Vaterlands ist mürb und ausgehöhlt;

Und einmal wird die Welt in den Geschichten lesen,

Wie nah dem Sittenfall der Fall des Staats gewesen.*")

Glücklich der Schriftsteller, dessen Hand, ehe sie er-starb, den Seelen Keime zur Tugend und Vaterlandsliebeeingepflanzt hat!

Während Haller sich als Dichter verborgene Wege zuden Herzen bahnte, schuf er sich in der Wissenschaft eine

28) Der Mann nach der Welt. November >733. Durch zahlreicheAusgaben und Uebersetzungen in fast alle europäischen Sprachenward der Ruhm des junge» Dichters mit reißender Schnelligkeitverbreitet.