durfte und nach Yerfluss von 90 Jahren noch immer in Anwen-dung steht.
Wie schon oben erwähnt, begann Köchlin 1810 damit, einevielen Andern zum Vorbild dienende Türkischrot-Stückfärberei ein-zurichten und deren Erzeugnisse zum Teil mit Tafelschwarz zu be-drucken. 1811 wurde er sodann auf den Umstand aufmerksam,dass das Türkischrot gegen alkalischen Chlorkalk eine bemerkens-werte Widerstandsfähigkeit besitzt, während angesäuerter Chlor-kalk dasselbe fast augenblicklich zerstört. Nachdem ein direktesAufdrucken dieses Aetzmittels aus verschiedenen Gründen sichals undurchführbar erwies, schlug Köchlin den umgekehrten Wegein, indem er die roten Stücke mit einer verdickten, nichtflüch-tigen Säure (Weinsteinsäure) bedruckte und alsdann einige Minutenin alkalische Chlorkalklösung (la cuve decolorante) tauchte, wo-bei das an den betreffenden Stellen sich entwickelnde Chlor denFarbstoff zerstörte. Bald darauf entdeckte er, dass das Berliner-blau im Stande ist, freiem Chlor zu widerstehen, so dass, wenndieser Farbstoff (gewöhnlich in Chlorzinn gelöst), der Aetzfarbezugesetzt wird, die bedruckten Stellen schliesslich lebhaft blau,bei Weglassung der Weinsteinsäure (durch Addition zum Rot)hingegen schwarz erscheinen. Indem er nach Beendigung derAetz-Operation noch Tafelgelb einpasste und dasselbe z. T. aufdas Weiss, z. T. zur Bildung von Grün, auf das Blau fallen liess,war er zu einer ganzen Scala von Farben gelangt.
Die Veranlassung zu den Aetzversuchen auf Türkischrot lagfür Köchlin hauptsächlich darin, dass verschiedene Arten von Aetz-artikeln überhaupt damals als Neuheiten eine Rolle spielten unddass zu gleicher Zeit in der gemusterten Wollweberei Frank-reichs die sog. Cachemires-dessins (meistens in rotem Grunde) envogue waren und im Druck auf Baumwolle am besten nach derReservage- oder nach der Aetzmanier nachgeahmt werden konnten.Während in den Kleider- und Möbelstoffen, wie S. 103 u. 144 be-merkt, die persisch-indischen Dessins nach und nach solchen inmodern-europäischem Geschmack Platz gemacht hatten, fandenspeziell für Chäles (Umschlagtücher) in der zweiten Hälfte desXVIII. Jahrhunderts die ächten, aus gefärbten Ziegenhaaren