452
Musik.
ten Formen gänzlich zu durchbrechen undden christlichen Gesang von den aus demDavidischen Tempelgesang hergeleitetenSpuren auf vollständig neue Bahnen hin-überzuleiten. Wenn auch, wie Ambros(Geschichte der Musik, Breslau 1864, II 9)sagt, die christliche Kunst das Motiv deswiddertragenden Hermes für das Bild desguten Hirten ganz arglos herübernahm,den mythischen Orpheus als Symbol Christian die Decken der Katakombenkirchenmalte, die Sarkophage (wie jenen desIunius Bassus) nach dem Kunstgeschmackheidnischer Sarkophage modelte, wenn siedie Gestalt der heidnischen Kauf- undGerichtshallen, der Basiliken, für die Be-dürfnisse des christlichen Gottesdienstessehr brauchbar fand und die Anlage undsogar den Namen derselben beibehielt, soist doch nicht richtig, dass nun desshalbdie Christen, so unbefangen sie mit denHeiden aus demselben Brunnen tranken,die gleiche Anlage der Wohnungen u. s. w.nach wie vor beibehielten, weil alle dieseDinge mit Religion nichts zu schaffenhaben, ebenso unbefangen ihre Art undWeise zu singen nach der allgemeinenSitte der Zeit und der allgemeinen musi-kalischen Bildung regeln konnten, ebenweil die Art und Weise zu singen, soweites sich um christlichen Gesang handelt,sehr viel mit Religion zu schaffen hat.Dass das ganze christliche Alterthumgerade nach dieser Seite hin dem Gesängeeine hohe Wichtigkeit beilegte, ist ersicht-lich aus den zahllosen Aussprüchen derhl. Yäter, in welchen sie den mächtigenEinfluss desselben auf Herz und Gemüthhervorheben und einerseits zu eifrigerPflege desselben ermuntern, anderseitsgegen jede Entartung und Verweltlichungdesselben eifern (vgl. Gerbert De cant. etmus. sacr. I 225—239). Um desswillenkonnte man also nicht mit Gleichgültig-keit es hinnehmen, wenn die Christen ihreArt und Weise zu singen nach der Sitteder Zeit regeln wollten. Wollte man derEntartung und Verweltlichung Vorbeugen,so musste man vor Allem dem Eindrin-gen antik-griechischen Geistes in den aufrein jüdischen Traditionen beruhendenKirchengesang entgegentreten. Erwägtman übrigens, dass im 4. Jalirh. der hl.Ambrosius und nach ihm der hl. Gregorzu Ende des 6. Jahrh. zur systematischenBegründung der durch die Tradition über-kommenen Gesänge aus dem Tonsystemeder Griechen nur das System der Octaven-gattungen und auch dieses weder voll-ständig, noch im vollen Sinne der grie-chischen Theorie herübernahm, dass mandagegen dasjenige, was das eigentlichewesen der griechischen Musik ausmacht,
die Lehre von den Tonarten, die Kanonik,Rhythmik, Enharmonik und Chromatikganz bei Seite Hess, so ist ersichtlich, dassin den traditionellen Gesängen der vierersten christlichen Jahrh. von dem Geisteantik - hellenischer Kunst nur wenig zufinden war. Im Gegentheile lässt diesesystematische Begründung erkennen, dassder christliche Kirchengesang des 4. bis6. Jahrh. seinem innersten Wesen nachnoch vollständig von dem Geiste der alt-jüdischen Tempel-M. getragen war. Einegenaue Kenntniss der alttestamentliehenGesänge in Hinsicht ihrer theoretischenGrundlage steht uns zwar auch nicht zuGebote. Wenn auch alle Ausleger darinübereinstimmen, dass die den Psalmen,Sprüchen und dem Buche Job beigefügtenAccente die Notation der Tempelgesängedarstellen, so sind die Versuche ihrerEntzifferung (vgl. Nicolai Joann. Tractat.de siglis, Lugduni 1703; Speidel J. Chr.Unverwerfliche Spuren der alten Davidi-schen Singkunst, Stuttgart 1740; AntonC. G. Repertorium, Jena 1790; Haupt L.Sechs alttestamentliche Psalmen, Leipzig1854) doch zu problematisch, um mit Sicher-heit einen Schluss daraus ziehen zu kön-nen. Nach Allem jedoch, was wir ausden Schriften des A. T., des Flavins Jo-sephus u. A. über das Wesen der Davidi-schen Tempel-M. erfahren, charakterisirtsich dasselbe als ein solches, dass es indem von Ambrosius und Gregorius aufge-stellten Systeme seinen vollen Ausdruckfinden konnte. Von einer Harmonie imheutigen Sinne des Wortes kann bei denHebräern ebenso wenig wie bei allen übri-gen Völkern des Alterthums gesprochenwerden. Schon die Beschaffenheit deralttestamentliehen Instrumente (vgl. I Pa-ral. 15, 21; Flau. Jos. Jiid. Alterth. VII,c. 11, 3; Calmet Dissert. de music. instrum.Hebraeorum, in dessen Commentaire lit-teral et critique sur la sainte bible, Paris1707—1716), die Blasinstrumente in ihrerlanggestreckten Bauart ohne jede künst-liche Vorrichtung zur Veränderung derNaturtöne, die Saiteninstrumente ohneGriffbrett und Applicatur, konnte zur Her-stellung einer vollständig durchgeführtenharmonischen Begleitung nicht genügen.Es bleibt auch für die jüdische Tempel-M.eben nichts Anderes übrig als die Melodie,im Unisono und der Octav von den In-strumenten begleitet. Dass aber dieseMelodieen den über Alles erhabenen undherrlichen Texten, denen sie sich an-schmiegten, in Haltung und Ausdrucknicht werden widersprochen haben, dassvielmehr das edle, innige, gottbegeisterteGefühl, welches in jenen Texten ausge-sprochen liegt, auch auf die damit ver-