Band 
Zweiter Band. I - Z.
Seite
563
JPEG-Download
 

Orpheus.

563

nur das hier (Fig. 349) abgcbildete Relief j nahe es auch liegen mochte, den einmal

in den christlichen Bildercyelus aufgenom-menen Heros auch von dieser Seite, undgerade in den Coemeterien, aufzufassen.Es ist vielmehr jene andere Mythe, wiesie uns PhUostratus schildert und wonachO. durch die Macht seiner Musik selbstdie wildesten Thiere zähmte, ja Bäume undFelsen bewegte, dass sie ihm nachfolgten.In Rom gehörte diese Mythe zu einer derbeliebten theatralischen Aufführungen(.Friedländer Sittengesch. II269); die Chri-sten aber sahen nun in dem thracischenSänger, dessen Musik und Gesang in sowunderbarer Weise auch die widerstre-bendsten Wesen zu locken wusste, ein Sym-bol und Vorbild der geistigen Macht desErlösers über die Herzen der Menschen,jener Macht, deren wunderbaren Einflusssie selber an sich erfahren, deren Erweisesie täglich in den Bekehrungen selbst dergrimmigsten Christushasser vor Augenhatten. Die Parallele lag um so näher,als ja auch der Heiland von sich gesagthatte: ,wenn ich am Kreuze erhöht seinwerde, will ich Alles an mich ziehen 1 , undals die Prophezeiung des Isaias das 'Reichals ein solches geschildert

von einem in Ostia gefundenen und vonVisconti (Dich, di un sarcofago crist. ost.,

Rom. 1869) beschriebenen Sarkophag gel-ten. Garrucci(V 18, tavolaCCCYII 4 ) hatausserdem nocheinen Sarko-phag von PortoTorres nachSpano (Bullet,arch. Sardo) ab-gebildet , wel-cher den 0.zeigt, dessenchristlicher Ur-sprung mir aberzweifelhaft er-scheint. K.]

Fragen wirnun, wie dieChristen dazukamen, diese mythologische Figur in ihrenBilderkreis einzuführen, so lehrt uns zu-nächst Iustinus Martyr, der an zahlreichenStellen den 0. erwähnt, wie die alten Gläu-bigen, auf Grund der spätem Entwicke-j des Messias

Fig. 349. Orplieus. Relief voneinem Sarkophag aus Ostia(Visconti).

ihm glaubten,

lung der Sage,gegen Ende

mus verkündigt und gelehrt

dass ei-sernes Lebens den Monotheis-habe, Gott |habe Alles durch das Wort geschaffen;überhaupt habe er Richtigeres als alleandern heidnischen Lehrer des Alterthumsüber göttliche Dinge vorgebracht. In sei-nen Schriften citirt der christliche Philosopheine Menge von Aussprüchen und Versen,die man damals dem 0. zuschrieb, undspricht die Meinung aus, der tliracischeDichter habe seine Weisheit in Aegyptenaus den Büchern Moses’ gelernt. In ähn-lich günstiger Weise spricht sich, abge-sehen von den spätem Vätern, Clemensvon Alex, über 0. aus. Somit war dertliracische Sänger den Gläubigen eine sym-pathische Figur, um so mehr, als seine imspätem Alter erfolgte Abwendung vomPolytheismus zu dem Einen Gott in ihnenselber vielfach eine Parallele fand.

Trotzdem konnte darin noch nicht eineBerechtigung liegen, ihn in den christlichenBilderkreis, und gar an so hervorragenderStelle, aufzunehmen, ebensowenig wie dieSibyllen darin einen Platz fanden. DieUrsache ist nicht in der Lehre des 0.,sondern in der ihn betreffenden Mythe zusuchen. Da war nun allerdings die Er-zählung, wie er seine Gattin Eurydice ausdem Hades emporzuführen suchte, einedem christlichen Glauben an Unsterblich-keit und Wiedersehen sehr zusagende;aber dennoch finden wir nirgends in denKatakomben diese Scene dargestellt, so

hatte, wo der Wolf mit dem Lamme wohne,der Löwe bei den Schafen ruhe, Bär undRind die gleiche Nahrung gemessen, dasKind an der Mutterbrust mit der Schlangespielen werde u. s. w. (Isaias 11, 6).

Unter den Vätern, welche den Erlösermit dem 0. vergleichen, möge ClemensAlex, hier eine Stelle finden. In der Ein-leitung zu seinem Aoyo? -poTpsrtiy.ö? Ttpöj"EXXrjvai drückt er den folgenden Gedankenaus: wie eine griechische Fabel lehrt, hatder thracisehe Weise durch seinen Gesangdie wilden Thiere gezähmt; ja er bewegtedurch seine Musik sogar die Bäume vonihrer Stelle und verpflanzte sie . . . ,Aberso ist nicht mein Sänger (dXX’ ou roioois 6(pSöc 6 i|J- f k), denn er allein hat aus allenSängern, die jemals gelebt haben, die wider-spenstigsten Thiere , die Menschen , ge-zähmt; er zähmte die Vögel, d. h. dieLeichtfertigen, die Schlangen, d. h. die Be-trüger, die Löwen, d. h. die Jähzornigen,die Schweine, nämlich die Wollüstigen,und die Wölfe, nämlich die Habgierigen.Die Steine aber und Bäume das sind dieUnverständigen. Alle jene reissend wildenThiere und alle jene Steine hat dieserhimmlische Gesang in milde Menschenumgewandelt. 1 Indem er dann diese Deu-tungen aus der hl. Schrift zu beweisen sucht,fährt Clemens fort: ,siehe, wie mächtig derneue Gesang war: Menschen machte eraus Steinen, Menschen aus wilden Thieren,und diejenigen, die einstens todt waren,sie sind lebendig geworden, sobald sie nur

36 *