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Worte und Zeichen kommen. Und so könnten auch die Participia in ot (gehcblot A', 133. gcblczotXIII, 50 u. a.) die Superlative in öst (obröst IV, 33. gewaltigost XXXIV, 24 u. a.) die männlichen Sub-stantica in o (hodo I, 195. weiso II, 33. ango IV, 90 u. a.) die weiblichen in a, gen. ihi (gevatra II,40. smitta VI, 11. 13. segensa X, 30 u. a. nunnun XIII, TO) die neutralen und die Adjecliva in i (secciXXVI, 31. git/.i XXXVIII, 30. netzi XL, 2. 0. stedi ALF/, TT. wilTci XXXII, 20. ougi XXXVI, 30) ausaltkochdeutschen Urschriften herübergenommen sein, obschon dergleichen auch in der Mundart des vier-zehnten Jahrhunderts gewiss noch lebte: in den obersten Landen des deutschen Sprachgebietes sind diesevolleren Schlufsvocale noch heut nicht ausgegangen. Jedesfalls wird durch solche Alterthümlickkeiten derWerth und der Reiz, den unser Wörterbuch als deutsches Sprachdenkmal besitzt, noch um vieles gesteigert.
Aber vielleicht noch einen hwheren Werth hat es als Denkmal der Latinitwt des Mittelalters. Denngerade diese lateinisch-deutschen Realglossarien, so wenig Berücksichtigung auch der neueste Herausgeberdes Du Gange ihnen hat angedeihen lafsen, sind eine Fundgrube der mittellateinischen Lexicographie, deran Reichthum weder die historische noch die theologische Litteralur noch gar die Gedichte des Mittel-alters nahe kommen, und die selbst von den Rechtsurkunden kaum übertroffen wird. Und abgesehen vonsolchem Einzelertrage, sie besonders gewähren uns den Beweis, dafs wenigstens im Mittelaller das Lateinnoch keine todle Sprache , dafs alles und selbst das Alltagsleben bis in die untersten Wurzeln, in die äitfser-sten Spitzen hinein von seinem Gebrauche begleitet, dafs es damals noch in vollster frischester lebendigsterFortentwickelung sei begriffen gewesen. Freilich zeigt sich diese unabgebrochene Lebensregsamkeit vor-zugsweise in solcher Umbildung der Worte wie der Begriffe, die wir jezt wieder barbarisch nennenmüfsen; sie ist öfter nur entstellend als gestaltend. Es gilt diefs namentlich (auch unser Vocabularius giebtdavon zahlreiche Belege und nicht blofs in den Rubriken von Krankheiten, von Kräutern und von SteinenXXXVI. XLII. XLIII. XLV) in Bezug auf die vielen griechischen Worte, die sich aus der Gewerbe- undUmgangssprache des Roemischen Reiches vererbt hatten, die man aus Freude am Auserlesenen nochstccls und oft auf die wunderlichste Weise vermehrte und doch fast niemals recht verstand, die manerst mehr oder weniger verderben mufsle, damit sie in ihrem Klange vertrauter und einem gewissen Ver-ständniss naher gerückt würden. Indess wie anders hätte sich der noch bestehende Lebenstrieb äufsernkönnen als durch Entstellung des altüberlieferten Stoffes? Alle Sprachen, so lang sieleben, auch die jeztnoch lebenden, gehn wesentlich auf eben diesem Wege. Nur die Barbarei, welche die Unterschiede desLateins und der Romanischen Sprachen verwischte, sicherte jenem die fortdauernde Wirksamkeit, die zufernerer reicherer Ausbildung der letztem ncethig war: es giebt Rechtsurkunden, es giebt auch Glossarien,die, recht zum Beiveise der lebendigen Wechselwirkung, in Worten und Worlformen beiden zugleich ge-hören, der lateinischen Sprache wie den romanischen. Und nur die Barbarei, die jedes Lebensgebiet demGebrauche des Lateinischen öffnete, öffnete ihm auch die unromanischen, die deutschen Sprachen zu solchemEinflufs, wie ein classisches und darum fern und fremde bleibendes Latein nie hätte üben können, undverschaffte da Worten, deren Dasein ursprünglich auf einen engen Kreis und ganz bestimmte Bezüge ein-geschränkt gewesen, oft die ausgedehnteste und allgemeinste Anwendung. Hievon und zugleich zu den