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Entartung und Genie : neue Studien / von Cesare Lombroso ; gesammelt und unter Mitwirkung des Verfassers Deutsch Herausgegeben von Dr. Hans Kurella
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ENTARTUNG UN]) GENIE.

in meinem Testament dafür gesorgt, dass Du aufnichts von dem zu rechnen hast, was ich in Rom besitze; deshalb geh mit Gott und schreibe mir niemehr.« Drei Monate später sind seine Absichten undsein Ton völlig geändert. »Ich werde doch nichtdas vergessen, woran ich beständig gedacht habe,nämlich Dich zu unterstützen.«

Ein merkwürdiges Geständniss seines durchauskrankhaften Trübsinns hat er schliesslich in einemBrief an Sebastiano dal Piombo (No. 97) hinter-lassen. »Gestern Abend war ich froh, denn ich wareinmal aus meiner wirren und düstcrn Verstimmungherausgekommen.«

Was die angebliche psychische Intactheit mancherGenies betrifft, so ist doch zu bedenken, dass erstdie Zeit zu einem Urtheil über die wahre Grösseeines Mannes verhilft. Ehe dies Urtheil gefällt ist,gelten viele wohlequilibrirte Talente für genial, derenMittelmässigkeit das Glück gehabt hat, den Geschmackder grossen Menge nicht zu schockiren, sondern ihmentgegenzukommen und ihn sozusagen in breiteKanäle zu leiten. Dies ist wohl die Erklärung fürein so vollkommen normales Talent, wie das Verdis,das die Zeitgenossen vielmehr befriedigt, als dasWagners; ich vermuthe das wenigstens aus dem Um-stande, dass das Volk seine melodischen Arienbeständig wiederholt und dass der Leierkasten sie inden entferntesten Thälern erklingen lässt. VonWagner würde wohl ohne einen gewissen geistes-kranken König kaum ein Kragment zu uns ge-kommen sein.

Mancher gilt für gross, nur weil er weit von unsentfernt ist. Wenn Ovm, Cicero und Livius moderneSchriftsteller wären, so würden sie für blosse Rhe-toren gelten. Wie viele sogenannte Klassiker, diekeiner ohne Stolpern liest und von denen man nichtmehr Aufhebens machen würde, als von der Prosa