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GESCHICHTE DES CULTUS DER GÖTTIN.
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ÜBERSICHT ÜBER DIE GESCHICHTE DES CULTUS DER GÖTTIN.
Gewiss gibt es keine merkwürdigere Erscheinung imheidnischen Alterthum, als dieses innerhalb desselben inseiner Art wahrhaft einzige Institut.
Seit grauen Zeiten in Italien einheimisch, erhält essich bis in die letzten Zeiten des sinkenden, des unter-gehenden Heidenthums mit ungebrochener, ja man möchtesagen, seit dem Beginn der Kaiserzeit mit wachsender Kraftund Bedeutsamkeit.
Wer weiss nicht, wie lax die Anschauungen der Altenin Betreff geschlechtlicher Reinheit waren, wem is.t es unbe-kannt, dass insbesondere von der Religion die Prostitutiongeradezu in ihre schützende, ja man muss fast sagen, heili-gende Obhut genommen wurde? Gaben ja doch die Hiero-dulen im Dienste der Aphrodite ihren Leib als Dienerinnender Gottheit und ihr zu Ehren preis! 1
Und wenn eine solche Hierodulie in Rom keinen Ein-gang fand, so darf man nur an Gebräuche, wie sie bei denLiberalien, den Floralien stattfanden, erinnern, um daranzu mahnen, wie dunkel und wie schmutzig der Hintergrundist, auf dem sich ein Institut abhebt, gleich dem der Vesta-linnen, von denen nicht bloss in Thaten, sondern auch inKleidung, Wort und Gedanken untadelhafte Reinheit ge-fordert wurde.
Allerdings, wenn wir von zahlreichen Untersuchungengegen unkeusche Vestalinnen hören, so setzt das noch zahl-reichere Fälle des Gelübdebruchs voraus. Aber jene Unter-suchungen und die immer neue Wiederholung der furcht-barsten aller Strafen, des Lebendigbegrabens, beweisenandrerseits, mit welcher finsteren Strenge Rom zu allenZeiten über der Reinheit seines heiligsten Cultus wachte.
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1 Vgl. Schömann, gr. Alterth. n 1 , S. 193 f.; Preller, gr. M. I sS. 285; Welcker, gr. Götterl. II, 712 f.