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Zweites Kapitel.
Wenn der Geist sich nur mit Untersuchungen von einer un-mittelbaren praktischen Nützlichkeit beschäftigte, würde er, wieCondorcet bemerkt hat, schon dadurch allein in all seinen Fort-schritten sich gehemmt fühlen, selbst rücksichtlich der praktischenAnwendungen, denen man die rein spekulativen Arbeiten zumOpfer gebracht hätte. Denn die wichtigsten praktischen Anwen-dungen leiten sich von Theorieen ab, welche lediglich aus wissen-schaftlichen Zwecken hervorgegangen sind und welche oft Jahr-hunderte lang weiter geführt worden sind, ohne dass ein prak-tisches Resultat sich dabei ergeben hätte. Deshalb konnte Con-dorcet mit Recht sagen: „Der Matrose, welchen die genaue Be-obachtung des Längengrades vor dem Scliiffbruch schützt, verdanktsein Leben einer Lehre, welche 2000 Jahre früher von geistreichenMännern aufgestellt worden ist, denen es dabei um blosse geo-metrische Erwägungen zu thun war.“ Der menschliche Geist hatdaher sich theoretischen Untersuchungen zuzuwenden, und dabeivon allen praktischen Rücksichten abzusehen; denn unsere Mittelfür die Entdeckung der Wahrheit sind so schwach, dass, wennman sie nicht ausschliesslich für dieses Ziel verwendete, manbeinahe niemals es erreichen würde.
Das Ganze unserer Naturerkenntniss und die Verfahrungs-weisen, welche wir daraus für die uns nützlichen Einwirkungenauf die Natur ableiten, bilden zwei unterschiedene Systeme, welchegetrennt aufgefasst und fortgebildet werden müssen. Das theore-tische System dürfte wohl allein den Gegenstand einer Darstellungder positiven Philosophie bilden. Es kann vielleicht möglich sein,eine ausgedehntere Darstellung sich auszudenken, die sowohl aufdie Theorie, wie auf die Praxis sich bezöge; allein dazu dürfteeine Vorarbeit nöthig sein, welche noch nicht gethan ist; siemüsste die den wissenschaftlichen Lehren entsprechenden Auf-fassungen bieten, welche die Grundlage für die praktische An-wendung abzugeben hätten.
Die Wissenschaften lassen sich nicht unmittelbar auf die Kunst-fertigkeiten anwenden, wenigstens nicht in der vollkommenstenWeise. Zwischen diesen beiden Klassen von Vorstellungen giebtes eine mittlere, welche nach ihrem philosophischen Charakter nochwenig ausgebildet ist, aber sich empfindlich bemerkbar macht, wenn