Zwanzigstes Kapitel. 177
der Winkeluiessung nach den gebräuchlichen Tafeln als bekanntangenommen werden.
Ich gehe nun zur Lehre von den Parallaxen über, die leichterist und mehr befriedigt. Die an verschiedenen Orten gemachtenBeobachtungen wären nicht vergleichbar, wenn man sie nicht aufdie eines idealen Beobachtungsortes im Mittelpunkte der Erdezurückführte. Diese Berichtigung heisst die Parallaxe. Die Wir-kung der Parallaxe geschieht wie die der Strahlenbrechung nur inder Richtung des Zeniths; sie lässt das Gestirn in derselben Verti-kallinie, aber entfernt es vom Zenith, während die Strahlenbrechunges demselben nähert.
Die Betrachtung des geradlinigen Dreiecks, welches der Mittel-punkt der Erde, der Beobachter und das Gestirn bilden, ergiebt,dass das Gesetz der Parallaxe darin besteht, dass der Sinus der-selben sich verhält wie der Sinus des scheinbaren Abstandes vomZenith. Das constante Verhältniss dieser beiden Sinus, welchesmit horizontaler Parallaxe bezeichnet wird, ist gleich dem Verhält-niss zwischen dem Halbmesser der Erde und dem Abstand ihresMittelpunktes vom Gestirn, wenn man die Erde rein kugelförmigannimmt, was in dieser Lehre völlig zulässig ist.
Die Wirkung der Parallaxe ist nicht, wie die Strahlenbrechungfür alle Gestirne die gleiche. Sie ist für alle Gestirne, die unseremSonnensystem nicht angehören, wegen der ungeheuren Entfernungnicht bemerkbar, aber innerhalb unseres Systems wechselt sie sehr,von der Parallaxe des Uranus , welche niemals eine halbe Sekundeerreicht, bis zu der des Mondes, welche manchmal grösser als einGrad ist.
Die Bestimmung von allem, was die Parallaxen betrifft, beruhtauf der Verwerthung der Entfernung der Gestirne von der Erde,ln diesem Sinne gehört diese Lehre zu der Wissenschaft im eigent-lichen Sinne; indess muss ich sie für das folgende Kapitel ver-spanen wegen der Abschätzung der Coeffizienten, welche der Lehrevon den Parallaxen eigenthiimlich sind. Doch ist es wichtig, dassich^bemerke, wie diese Coeffizienten durch ein empirisches Verfahrensich bestimmen lassen, wenn man sich mit der direkten Kenntnissder Entfernungen der Gestirne von der Erde befasst. Hat maneinen solchen Ort und einen solche Zeit gewählt, wo das Gestirn
Comte-Rig, positive Philosophie. „ 12