108
Fünfzigstes Kapitel.
sicht nicht fehlerhaft. Man hat nur die zu geringe Stärke diesesmässigenden egoistischen Gefühls zu fürchten, dessen Stimme selbstbei den besten Naturen so oft unterdrückt wird und so seltendas Verhalten zu bestimmen vermag.
Würde der Mensch wohlwollender, so wäre dies für das sozialeHandeln so viel, als ihn für einsichtiger zu halten, und zwar nichtblos in Folge der besseren Anwendung seines Wissens, sondernauch deshalb, weil dieses Wissen nicht mehr durch die Zucht auf-gehoben würde, welche er jetzt dem unwillkürlichen Uebergewichtegoistischer Neigungen auferlegen muss. Dieses gegenseitige Ver-hältniss ist nicht minder genau, wenn es auch weniger erkennbarist; denn alle geistige Entwickelung hat für das Handeln dasgleiche Gewicht, wie eine Zunahme der Nächstenhebe, indem dieseEntwickelung entweder die Herrschaft über seine Leidenschaft ver-stärkt oder das Gefühl bestimmter Gegenwirkungen durch die sozialenBerührungen deutlicher und lebendiger macht. Ersteres ist derFall, weil eine grosse Einsicht sich nicht ohne einen grossen Vor-rath von Wohlwollen entwickeln kann, da dieses allein seiner Ent-wickelung ein bedeutendes Ziel oder ein weites Feld gewährenkann. Ebenso verstärkt jede geistige Anstrengung die Gefühleder Sympathie, indem sie die egoistischen Gefühle beseitigt undeine unwillkürliche Vorliebe für die Ordnung einflösst, welche soin gleich günstigerWeise zur Aufrechthaltung der sozialen Harmoniemithelfen kann, wie die lebhafteren und weniger eigensinnigenTriebe. Die Bestimmung der Moral für den Einzelnen besteht inder Vermehrung dieses doppelten mässigenden Einflusses, dessenzunehmende Ausdehnung das erste Ergebniss der Entwickelungder Menschheit bildet.
Dies sind unter diesem elementaren Gesichtspunkt, die beidenBedingungen, welche den Charakter des sozialen Daseins bestimmen-Einerseits kann der Mensch ohne eine mehr oder weniger an-haltende, durch die Einsicht geleitete Arbeit nicht glücklich seinund doch ist ihm die geistige Anstrengung unwillkürlich zuwider-Von der anderen Seite sind allein die Fähigkeiten des Gefühlwahrhaft thätig und ihr Uebergewicht bestimmt die Richtung unddas Ziel des sozialen Zustandes. Ebenso sind zugleich die soziale 11Neigungen allein geeignet, das private Glück hervorzubringen und