Band 
Zweiter Band.
Seite
124
JPEG-Download
 

124

Einundfünfzigstes Kapitel.

Zeit erfordert, theils durch die Anregung der geistigen Thätigkeitund der sozialen Gefühle.

Während der Kindheit der Gesellschaft sind die Instinkte fürden materiellen Unterhalt so überwiegend, dass selbst der geschlecht-liche Instinkt, trotz seiner grösseren Stärke, davon beherrscht wird.Die häuslichen Neigungen sind weniger deutlich und die sozialenerstrecken sich nur auf einen kleinen Theil der Menschheit; ausser-halb dieses Theiles ist alles sich fremd, ja feindlich. Die feindlichenLeidenschaften sind, nach den physischen Begierden, das, was dasDasein am meisten bestimmt. In Bezug auf die geistigen Fähigkeitenzeigt das Fehlen des Voraussehens, was dem Leben in der Wild-heit eigen ist, den geringen Einfluss, welchen da die Vernunft aufdas Verhalten des Menschen übt. Die Fähigkeiten sind noch ver-hüllt oder es treten nur die niedrigsten derselben, die sich autdie Uebiuig der Sinne beziehen, hervor. Die Fälligkeiten, zu ab-strabiren und zu kombiniren, bleiben beinahe ganz ausser Uebung.Die Neugierde, welche durch die Vorgänge der Natur erweckt wird,begnügt sich mit den schwachen Anfängen einer theologischenErklärung. Auch die Lustbarkeiten bestehen nur in einer heftigenAnwenduug der Muskelkraft und sind ebenfalls für die Entwicke-lung der geistigen und geselligen Fähigkeiten wenig günstig.

In welcher Hinsicht man auch die verschiedenen Zeitalter derGesellschaft betrachtet, man wird immer finden, dass das Ergebnissder Entwickelung nicht blos darin besteht, dass die materielleLage des Menschen durch die stete Ausdehnung seiner Thätigkeitauf die äussere Welt sich verbessert, sondern auch in einer durchUebung erreichten Entwickelung der höheren Fähigkeiten, indemdie Herrschaft der physischen Begierden gemindert und die sozialenInstinkte angeregt werden, so dass theils die höheren geistigenAnlagen angeregt, theils der Einfluss der Vernunft, auf das Ver-halten gesteigert wird. In diesem Sinne wiederholt die Entwicke-lung des Einzelnen die hauptsächlichsten Formen der sozialen Ent-wickelung. Beider gemeinsames Ziel besteht in der Unterordnungder persönlichen Instinkte unter die Uebung der sozialen Instinkteund in der Unterwerfung der Leidenschaften unter die Vorschrifteneiner allmählich überwiegenden Vernunft.

ln anatomischer Hinsicht könnte man diese Richtung so cha-