DreiundfVinf'zigsteH Kapitel.
185
gehenden Philosophie geruht. Wenn auch durch eine unvermeid-liche Reaktion der Einfluss der Poesie damals viel dazu beigetragentat, die Herrschaft der Theologie auszudehnen und zu befestigen,s o konnte sie keinenfalls diese Herrschaft begründen.
Sowohl bei dem Einzelnen, wie bei der Gattung hat die Fähig-keit des Ausdruckes die Fähigkeit der Einsicht nicht beherrschenkönnen, vielmehr ordnet jene sich dieser unter. Jede Umkehrungdieses Verhältnisses würde das individuelle, wie soziale Leben ver-wirren, indem sie die Führung des Lebens dem überliesse, wasdasselbe doch nur verschönern und versüssen kann. Die Philosophiehatte allerdings zu jener Zeit einen anderen Charakter als heute;allein der moralische Zustand war bei den Menschen damals ebensoNormal und denselben Gesetzen unterworfen, wie gegenwärtig. DasNebensächliche ist dasselbe wie damals geblieben und ebenso das Haupt-sächliche; nur die Formen haben nach dem Grade der Entwickelunggewechselt. Das Alterthum zeigt uns hervorragende Persönlich-keiten, welche für die Reize der Poesie und der bildenden Künstebeinahe unempfindlich gewesen sind, ohne dass sie deshalb auf-hörten den entsprechenden sozialen Zustand darzustellen, was bei^ e r hier besprochenen Hypothese unmöglich gewesen sein würde,Umgekehrt sind die modernen Völker weit entfernt, dem antikenCharakter sich zu nähern, obgleich der Geschmack an der Poesie,äer Musik und der Malerei sich mehr und mehr bei den ModernenVerbreitet.
Nach dieser Aufklärung kann man den wunderbaren Auf-schwung abschätzen, welchen der Polytheismus bei allen schönenKünsten hervorgebracht hat. Er hat sie zu einer Stufe von sozialer^acht erhoben, wie dies niemals wieder vorgekommen ist, weil dieBedingungen nicht mehr so günstig gewesen sind. Der Fetisch-Shube suchte das poetische und künstlerische Gefühl dadurch zue ütwickeln, dass er alle äusseren Körper mit dem Gefühl des Lebensbegabte. Um die Tragweite dieses Urtheils zu fassen, muss man^ch erinnern, dass die ästhetischen Fähigkeiten sich mehr auf dieBefühle als auf den Verstand bezogen; letzterer ist auch zu wenigkräftig als dass seine Darstellung oder Mahnung so energisch em-pfinden und so richtig beurtheilt werden konnte, sei es vom Aus»Agenden oder vom Zuschauer.