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Zweiter Band.
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Dreiundfimfzigstes Kapitel.

Massen, wo die Thätigkeit des Verstandes durch die Wirksamkeitder Gefühle aufgehoben wird, dient die ästhetische Entwickelungals Vorbereitung für die des Verstandes. Der Charakter derMenschheit hat sich zunächst in dem Vorherrschen der Gefühleüber den thierischen Instinct gezeigt, und dies war das Ergebniss desFetischglaubens. Das Uebergewicht der Phantasie über das Ge-fühl, welches die ästhetische Entwickelung verwirklichte, hat sichunter dem Polytheismus vollendet und die geistige Entwickelungvorbereitet. Jede Kunst hat sich um so schneller entfaltet, je all-gemeiner sie ist und je mehr sie des mannigfaltigsten und voll-ständigsten Ausdruckes fähig ist. Darnach ergiebt sich die ästhe-tische Reihenfolge: erst die Poesie, dann die Musik, dann dieMalerei, dann die Bildhauerkunst und endlich die Baukunst, soweit sie des moralischen Ausdrucks fähig ist.

Seit dem Zeitalter des Polytheismus haben die ästhetischenFähigkeiten, trotz ihrer fortgehenden Entwickelung, nicht mehreine gleich energische Anregung und keine so wichtigen Be-ziehungen, noch so günstige Verhältnisse mehr gefunden. Allediese Umstände hängen mit ihrer Thätigkeit und mit dem Verdienstihrer Leistungen nicht zusammen. Viele Zeugnisse ergeben, dassdas ästhetische Genie selbst in der angeblichen Nacht des Mittel-alters nicht gesunken ist, namentlich nicht rücksichtlich der erstenKunst, deren Fortschritt in dieser Zeit unverkennbar ist. In derepischen Dichtkunst, welche sich weniger mit der modernen Civi-lisation verträgt, wird man für keine Zeit ein besser organisirtespoetisches Genie als das Dante’s oder Milton’s, noch eine sofruchtbare Phantasie wie die des Ariost nennen können. Für diedramatische Dichtung brauchen die Energie Shakespeare’s , dieErhabenheit Corneille’s, die Freiheit Racine’s, die OriginalitätMoliere’s keine Vergleichung mit den alten Dichtem zu scheueD.

Man kann die Ueberlegenheit der modernen Musik, trotzihres geringen sozialen Einflusses inmitten einer weniger günstige»Umgebung, über die Musik der Alten nicht bestreiten, da letzter®der Harmonie entbehrte und nur einförmige und einfache Melodr e ®kannte, wo das Zeitmaass das Hauptmittel für den Ausdruck war.Ebenso verhält es sich mit der Malerei sowohl auf ihrer tech-nischen Seite, wo der Fortschritt offenbar ist, wie nach ihre# 1