280
Fünfundfiinfzigstes Kapitel.
sich so in sozialer Hinsicht auf der höchsten Stelle, ohne irgendeinen militärischen Charakter. Lange Zeit wurden die Diplomatenaus den Mitgliedern der katholischen Geistlichkeit gewählt, die inder Ueberzeugung von dem Verfall ihrer Körperschaft bereit waren,ihre politischen Fähigkeiten in anderer Weise auszunutzen. Mitdem Aufkommen der weltlichen Diktatur wurde diese Klasse einearistokratische, wie die höhere Geistlichkeit.
Seit den letzten drei Jahrhunderten hat es in Europa keineKlasse gegeben, welche in Folge der Ueberlegenheit ihres ge-wohnten Standpunktes so völlig frei von politischen und vielleichtauch von philosophischen Vorurtheilen war wie diese. Diese hervor-ragend bürgerliche Klasse ist in derselben Zeit wie die ministe-rielle Gewalt gross geworden, zu der sie gewissermaassen einenAnhang bildet. Sie hat die Militärs mehr und mehr ihrer politi-schen Gerechtsame beraubt und zur Rolle von passiven Werk-zeugen für die von der bürgerlichen Gewalt gefassten und geleitetenPläne herabgebracht. Im Alterthum und selbst im Mittelalterwaren die Friedens- und Allianz-Verträge ein Zubehör des mili-tärischen Regiments; die Entwickelung des kriegerischen Systems,namentlich des offensiven, verlangte es so. Die diplomatischeKlasse hat zu dem Verfall des militärischen Geistes mit beige-tragen, indem sie den Generalen einen so werthvollen Theil ihrerGerechtsame entzog. Daraus erklärt sich der instinktive Wider-wille, welcher bei den modernen Völkern zwischen den höhernStellen dieser beiden Klassen stets geherrscht hat.
Die Diplomatie hat mit unermüdlichem Eifer überall gesucht,zwischen den europäischen Staaten ein Gleichgewicht herzustellen,dessen Nothwendigkeit nicht bestritten werden konnte, seitdemEuropa beinahe gleich zwischen dem Katholizismus und Protestan-tismus getheilt worden war. Eine solche Vermittelung geschahin Folge eines allgemeinen friedlichen Geistes durch den West-falischen Frieden. Unzweifelhaft steht die diplomatische Lösungtiefer, als die alte katholische Lösung; denn der internationaleOrganismus kann noch weniger als der nationale Organismus einergeistigen und moralischen Grundlage entbehren; allein es wäreungerecht, wollte man nach dem normalen Zustand eine Aushülfebeurtheilen, welche für eine revolutionäre Lage bestimmt war und