284
Füntundiunfzigstes Kapitel.
Sophie, indem dadurch der edelste Theil unserer moralischen Ver-fassung zur Verdorrung sich neigt, nämlich der, welcher sich aufdie Entwickelung der rein wohlwollenden Gesinnungen bezieht.Aus diesem neuen Gesichtspunkt hat die Ketzerei des Quietismusdie Unvollkommenheit der theologischen Lehren dargelegt.
Zur Vervollständigung meiner Untersuchung habe ich nochdie moralischen Befugnisse darzulegen, mit denen die kritischeLehre vorläufig sich ausgestattet fand. Seitdem die geistlicheMacht ihre politische Unabhängigkeit eingebiisst hatte, neigte derKatholizismus zur Ausartung in ein dienstfertiges Werkzeug fürdie rückwärtstreibende Herrschaft und bewahrte sich nur die un-bedeutenden Spuren seiner ehemaligen Würde. Seine moralischeLehre war scheinbar für alle verbindend, aber in Wirklichkeitgalt sie nur für die Schwachen, denen sie eine unbedingte Unter-werfung unter alle Gewalten vorschrieb, deren unbeschränktesRecht er verkündete, ohne doch auch auf deren Pflichten bestehenzu können, und deren Laster er im Interesse des Bestandes derPriesterschaft schonte. Dieser neue Geist einer servilen Nachsichtfür alle weltlichen Grossen wurde anfangs nur bei den Königengeübt, allein allmählich dehnte er sich auf alle höheren Klassender Gesellschaft aus und steigerte seinen verderblichen Einfluss soweit, dass selbst die häusliche Moral in Gefahr kam. So erbtedie kritische Lehre vorläufig die moralischen Aufgaben, denen derKatholizismus entsagt hatte.
Das Dogma von der Freiheit des Gewissens erinnerte an diezunächst von dem Katholizismus aufgestellte, aber später von ihmaufgegebene Pflicht, alle Meinungen nur mit geistigen Waffen zuvertheidigen. Das Dogma von der Volkssouveränität unterwarfalle sozialen Gewalten der Rücksicht auf das gemeine Wohl, welchesdie katholische Lehre dem Uebergewicht der Grossen geopfert hatte.Das Dogma von der Gleichheit steigerte die Würde der mensch'liehen Natur, welche der Geist einer Kaste verkannte, die ihreralten Bestimmung entfremdet und von allem moralischen Zügelsich frei gemacht hatte. Endlich konnte das Dogma von der Un-abhängigkeit der Nationen, nach Auflösung der katholischen Bande,allein eine wirksame Achtung vor dem Bestand der kleinen Staaten jeinflössen. Die kritische Lehre hat diese Pflicht sehr unvollkommen 1