Fünfundfünfzigstes Kapitel.
307
die modernen Gesellschaften die Rücksicht auf das Praktische über-wiegen und die Lösung aller politischen Schwierigkeiten von welt-lichen Einrichtungen ahhängen; da ihnen allgemeine Prinzipienfehlten, so mussten sie die willkürlichen Verordnungen vermehren,die man in eitler Weise mit den Namen von Gesetzen verziertednd die beinahe immer sich durch eine missbräuchliche Ausdehnungder politischen Gewalt auf das Gebiet der Sitten und Meinungenkennzeichneten. Die Schule Rousseau’s übertrieb mehr wie jedeandere die wesentlichsten Irrthümer, indem sie sogar die moralische^ucht, durch eine blinde Nachahmung des Alterthums, von politi-schen Maassregeln abhängig machte.
In Bezug auf die moralischen Irrthümer brauche ich die Ver-wüstungen einer Metaphysik nicht zu schildern, welche die Grund-lagen der Moral zerstörte und alle Regeln der Lebensführung demGewissen eines Jeden überliess. Die mancherlei moralischen Vor-ürtheile, die der Katholizismus als Verbot oder als Vorschriftaufgestellt hatte, ruhten auf einer wirklichen, wenn auch empiri-schen Kenntniss der -wichtigsten sozialen Bedürfnisse, aber denMetaphysischen Erörterungen konnten sie nicht widerstehen. KeinMoralischer Begriff blieb unversehrt, selbst bei den einsichtigstenPersonen. Ein charakteristisches Beispiel mag genügen. Man kannkaum begreifen wie der Hass gegen alles, was an den Katholizis-Mus erinnerte, einen so französischen Geist wie Voltaire hat ver-löten können, das Andenken von Johanna d’Arc zu entehren, jenerHeldin, die man niemals ohne eine Huldigung nationaler Dankbar-keit nennen sollte. Der beklagenswerthe Erfolg dieses schmack-v °llen Machwerks zeigt, bis zu welchem Grade die demoralisirende-Arbeit bereits gediehen war.
Ein nicht minder strenger Tadel trifft das verderbliche Werk,Jene schamlose Parodie einer unsterblichen christlichen Dichtung,Rousseau im Irrsinn eines sophistischen Stolzes mit einem cyni-s chen Wohlgefallen die unedlen Schlechtigkeiten seines eigenenPrivatlebens enthüllt und es wagt, seine Aufführung zum morali-schen Muster der Menschheit zu erheben. Dieses letztere Werkls t gefährlicher als das erstgenannte, das man nur als eine straf-te Ausschreitung des Geistes ansehen kann, während RousseauMne verfängliche Beweisführung zur Rechtfertigung der strafbarsten
20 *