Band 
Zweiter Band.
Seite
394
JPEG-Download
 

394

SiebenunclfüniV.igstes Kapitel.

alle Tugenden von allen Arten des Glaubens, die in der Kindheitder Menschen lange zu deren Befestigung unentbehrlich waren, un-abhängig sind. Trotz dieser Einsicht werden die Ansprüche derTheologie noch lange die Verhältnisse überleben, aus denen sieentsprungen sind. Es giebt keine Tugend, welche, um zur Ge-wohnheit zu werden, nicht im Beginn einer religiösen Bestätigungbedarf, die der Fortschritt dann in dem Maasse ohne Gefahr be-seitigt hat, als eine gesunde Erwägung der wirklichen Einflüsse,chimärische Antriebe überflüssig gemacht hat. Zu allen Zeitenhaben rückschrittliche Deklamationen, ebenso wie heutzutage, dieVerschlechterung verkündet, welche das unvermeidliche Ergebnissdes Unterganges von diesem und jenem Glauben sein werde. Esgenügt die einzelnen gleichzeitigen Civilisationen zu überschauen,um die Eitelkeit dieser Klagen zu ersehen, besonders in den Fällen,welche die Gläubigsten bei den vorgeschrittenen Völkern als jedertheologischen Betrachtung unwerth betrachten. So ist die Rein-lichkeit seit lange von religiösen Beweggründen unabhängig undnur an das geknüpft, was man im Privat- und im öffentlichenLeben als angemessen hält. Trotzdem bestehen alle Brahmanenauf der Nothwendigkeit, diese Tugend an ihre theologischen Vor-schriften zu binden. Mehrere Jahrhunderte noch nach der Einführungdes Christenthums beklagten eine grosse Zahl von Staatsmännernund selbst Philosophen fortwährend die bevorstehende Demorali-sation, die sie als mit dem Verfall der polytheistischen Lehren ver-knüpft betrachteten.

Die modernen Schreier sind nicht verständiger. Die höchstenTugenden haben sich bei einer Bevölkerung entwickelt, die demtheologischen Glauben fremd, ja selbst widerstrebend gewordenwar. Für diesen Dienst wird die Befreiung der-Menschheit stetsder französischen Revolution dankbar sein müssen. Man sah da-mals nicht blos bei den Häuptern, sondern auch bei den geringstenBürgern so viel, sowohl militärischen, wie bürgerlichen Muth, soviel bewunderungswerthe patriotische Hingebung, so viel, selbst imVerborgenen geschehende Handlungen edler Menschenliebe, nament’lieh während der grossen Vertheidigung der Republik , obgleichdamals der alte Glaube erniedrigt oder verfolgt wurde, dass mannothwendig erkennen muss, wie die Moral gegenwärtig von allem