SiebenuncU'ünfzigstes Kapitel.
429
Zeugungen ergeben und die Errichtung einer geistigen Autoritätgestatten, welche genügend unabhängig ist, um deren Anwendungauf die Gesellschaft zu regeln. Indem die positive Philosophie derKenntniss der menschlichen Natur das Uebergewicht giebt, kannsie allein der Entwickelung sozialer Gefühle vorstehen, die bisjetzt nur in mittelbarer, ja widersprechender Weise unter demEinfluss der theologischen Philosophie gepflegt worden ist. Diepositive Moral, welche das Guthandeln vorschreiben und dabei ver-künden wird, dass daraus oft kein anderer Lohn hervorgehen werdeals die sichere innere Befriedigung, wird auf die wohlwollen-den Neigungen viel günstiger wirken als jene Lehren, nach denendie gleiche Hingebung immer aus eigennützigen Berechnungenhervorgeht. Indess wird eine blinde Gewohnheit, von starkenInteressen aufrecht erhalten, auch fernerhin die Möglichkeitnicht anerkennen, dass die Moral ohne irgend welche reli-giöse Dazwischenkunft auf Regeln gebracht werden könne, bisendlich die Thatsacheu von selbst alle dergleichen leere Streit-fragen beseitigen werden. Auch hat kein Theil der philosophi-schen Arbeit eine gleiche Wichtigkeit für die Erneuerung des ge-sellschaftlichen Lebens. Die Menschheit wird in einem Zustandder Kindheit verharren, so lange ihre wichtigsten Lehren fürdie Lebensführung sich auf Einbildungen stützen werden, anstattdass sie allein aus der Kenntniss ihrer Natur geschöpft werdentollten.
Ich berühre noch eine andere Eigenthümlichkeit, durch welchedie positive Erziehung, in Kennzeichnung der europäischen Be-stimmung der neuen geistlichen Autorität, einem der wichtigstenErfordernisse unserer Zeit Genüge leisten wird. Die soziale Krisis,Welche in Frankreich begonnen hat, ist jetzt bei allen Völkern desfestlichen Europas vorhanden. Nichts ist mehr dazu geeignetals eine solche gemeinsame Wirksamkeit, um das Ungenügendeder metaphysischen Philosophie darzulegen, die noch die politi-schen Versuche leitet, weil es sich überall nur um nationale "V er-suche handelt, bei welchen die europäische Gemeinsamkeit ausserAcht gelassen worden ist. Diese Lücke wird bleiben, so lange111 an das Prinzip der Trennung der Gewalten verkennen wird, denndie Verwirrung, welche zwischen der moralischen und der politi-