Band 
Zweiter Band.
Seite
503
JPEG-Download
 

Neunundfünfzigstes Kapitel.

503

Die blos vorläufige Bestimmung der früheren Studien wird der*maassen empfunden, dass diese Studien nur negativ bezeichnetwerden, wie mit den Worten „unorganisch“ und „unthätig“.

Bei dem Uebergang von den unorganischen Studien zuden biologischen bemerkt man, dass die Art des Daseins einenausserordentlichen Zuwachs erfährt, der die Grade der Ausdeh*nung weit übertrifft, welche es schon empfangen hatte, als es sichvon dem einfachen mathematischen und astronomischen Standpunktzu dem physikalischen und chemischen erhob. Jedenfalls hat derKonflikt, welcher in der Biologie zwischen den logischen undwissenschaftlichen Anforderungen während des ganzen Laufes dervorbereitenden Entwickelung der beiden letzten Jahrhunderte be-stand, der Beurtheilung einer solchen Verschiedenheit grosseSchwierigkeiten bereitet. Die unorganischen Wissenschaften strebtenum so mehr nach der Herrschaft in der Biologie, als die Lebens*Vorgänge zum grossen Theil mechanische, physikalische und haupt-sächlich chemische sind. Das was sie als Eigenthümlichkeitenbieten, ist mit Ausnahme der verschiedenen Vorrichtungen schwerzu bestimmen, und es war daher die Rechtmässigkeit einer solchenHerrschaft lange Zeit scheinbar gerechtfertigt. Allein hauptsäch-lich wurde sie dadurch verlängert, dass man die Auffassungenannehmen musste, welche zur Beseitigung des metaphysischenUebergewichts geeignet schienen, obgleich sie der Natur der Vor-gänge nicht entsprachen. Nichts ist charakteristischer als dasUebergewicht, welches länger als ein Jahrhundert der biologischeIrrthum von Descartes über das thierische Automatenthum sicherhielt. Selbst Buffon konnte sich niemals von ihm frei machen,obgleich schon die Meditationen des Descartes ihm dessen Ver-kehrtheit hätten zeigen müssen. Indess erschien dem Descartesdie Oberherrschaft des mathematischen Geistes trotz seiner grossenGefahren mit Recht besser als die Vormundschaft der Theologieund Metaphysik, und eine andere Alternative gab es damals nicht.

Diese Schwierigkeit wurde durch die Verbindung zweier Be-griffe gelöst, der eine physiologischer, der andere anatomischerNatur, die den Ruhm Bicliat’s begründet haben. Der physiolo-gische Begriff besteht in der Unterscheidung des organischenoder vegetativen Lebens und des tinerischen, eine Unter-