Band 
[Erster Band. - Zweiter Band.]
Seite
127
JPEG-Download
 

127

wcmi endlich die Hand des Schicksals schwer auf sein Haupt fällt, so deckt dieErinnerung an die Höhe, aus der er herabgestürzt ist, seine Ungerechtigkeiten mitdem Schleier des Mitleids.

Ganz anders ist die Sache mit dem sparsamen Menschen. Sein dauernderWohlstand zieht ihm wenigstens einen Theil des Neides zu, der an dem vorüber-gehenden Glänze des Verschwenders haftet; aber der Gebrauch, den er von demScinigcn macht, erlaubt ihm nicht, auf die Gunst zu rechnen, die dem Letzteren zuTheil wird: es kann ja Niemand an dem Genusse Theil nehmen, den Jenem seinVermögen verschafft, da dieser Genuß lediglich in der Freude an dem gegenwärtigenBesitze und m der Hoffnung besteht, seiner Ersparnisse in einer fernen Zeit, dieaber vielleicht niemals eintreten wird, froh zu werden. Darum betrachten ihn dieübrigen Mensche» mitten in seinem Reichthum wie eine Art von Bankcrcttircr,der sich weigert, die Anweisungen, welche sie mit aller Gier auf ihn ziehen mochten,zu honvriren, und der hierin um so sträflicher ist, als er sich nicht mit seinem Un-vermögen entschuldigen kann.

Konnte man noch an der Ungunst zweifeln, die den Darleiher in seine» Bezie-hungen zum Borger trifft, und an der Neigung des Publikums, das Interesse desErsteren dem des Letztere» zu opfern, so würde man einen sprechenden Beweisdafür in Dem finden, was auf dem Theater vorgeht. Das Mittel, sich Erfolg zusichern, welches sich einem Schauspicldichtcr leicht darbietet, und wozu er natürlich,selbst ohne sich darüber Rechenschaft zu geben, greift, besteht darin, daß er seineWerke den Leidenschaften und Capricen des Publikums genehm macht. Er kannfreilich, wie das häufig genug geschieht, so thun, als schriebe er seinen Richter»das Gesetz vor; aber wehe ihm, wenn er sich wirklich einfallen ließe, ihnen einanderes Gesetz zu geben, als sie anzunehmen gewillt sind! Wenn er das Publikumeinen Schritt thun lasse» will, so darf Das nur mit der größten Vorsicht geschehen,und nur unter der Bedingung, daß er seinerseits wieder ein Dutzend Schritte nachdem Willen Derer thut, die er zu leiten sich unterfing. Nun frage ick,, ob unterallen Situationen, in denen sich ein Leihcr und ei» Borger auf der Scene vor-geführt finden, seit Thcspis Tagen bis auf die unscrigcn, eine einzige ist, in dernicht der Borger der Gunst des Publikums auf die eine oder andere Art, sei esseiner Bewunderung, oder seiner Liebe, oder seinem Mitleid, oder endlich allendiesen dreien Empfindungen mit einander empfohlen, und wo nicht der Andere, dersparsame Mann, der Schande preisgegeben wird?

Aus allen diesen verschiedene» Ursachen ergiebt sich das Resultat, daß allemal,wenn man sich daran macht, die Interessen dieser beiden anscheinlich gleiche» Par-tien zu prüfen und zu regeln, der von dem Borger gezogene Gewinn ganz unbe-merkt bleibt, während der von dem Darleiher gezogene übermäßig hoch aussieht,»nd daß, wenn auch das Borurtheil sich so weit gemäßigt hat, um dem Darleiher,ohne Zweifel aus Furcht, daß der Borger sonst keine Hülfe bei ihm fände, —einige» Gewinn von seinem Gelde zu erlauben, doch der Borger stets der Gegen-stand aller Begünstigungen des Gesetzes bleibt, während dasselbe nicht aufhört,dm Gewinn des Darleihers immer herabzusetzen. Dieser Gewinn wurde anfänglich