Buch 
Der Tod in Venedig : Novelle / von Thomas Mann
Entstehung
Seite
124
JPEG-Download
 

aufschlagend, begegnete er dem Blicke des Fremden,einem müden und etwas traurigen Blick, der mitleichter Verachtung auf seine Lippen gerichtet war.Da errötete der Engländer.Dies ist, fuhr er halb-lautund in einiger Bewegung fort,die amtliche Erklä-rung, auf der zu bestehen man hier für gut befindet.Ich werde Ihnen sagen, daß noch etwas anderesdahinter steckt. Und dann sagte er in seiner red-lichen und bequemen Sprache die Wahrheit.

Seit mehreren Jahren schon hatte die indischeCholera eine verstärkte Neigung zur Ausbreitungund Wanderung an den Tag gelegt. Erzeugt ausden warmen Morästen des Ganges -Deltas, aufgestiegenmit dem mephitischen Odem jener üppig-untaug-lichen, von Menschen gemiedenen Urwelt- undInselwildnis, in deren Bambusdickichten der Tigerkauert, hatte die Seuche in ganz Hindustan andauerndund ungewöhnlich heftig gewütet, hatte östlich nachChina , westlich nach Afghanistan und Persien über-gegriffen und, den Hauptstraßen des Karawanen-verkehrs folgend, ihre Schrecken bis Astrachan , jaselbst bis Moskau getragen. Aber während Europa zitterte, das Gespenst möchte von dort aus und zuLande seinen Einzug halten, war es, von syrischen Kauffahrern übers Meer verschleppt, fast gleichzeitigin mehreren Mittel meerhäfen aufgeraucht, hatte in

124