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Der Tod in Venedig : Novelle / von Thomas Mann
Entstehung
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125
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Toulon und Malaga sein Haupt erhoben, in Palermo und Neapel mehrfach seine Maske gezeigt und schienaus ganz Kalabrien und Apulien nicht mehr weichenzu wollen. Der Norden der Halbinsel war verschontgeblieben. Jedoch Mitte Mai dieses Jahres fand manzu Venedig an ein und demselben Tage die furcht-baren Vibrionen in den ausgemergelten, schwärz-lichen Leichnamen eines SchifFerknechtes und einerGrünwarenhändlerin. Die Fälle wurden verheimlicht.Aber nach einer Woche waren es deren zehn, warenes zwanzig, dreißig und zwar in verschiedenenQuartieren. Ein Mann aus der österreichischen Pro-vinz, der sich zu seinem Vergnügen einige Tage inVenedig aufgehalten, starb, in sein Heimatstädtchenzurückgekehrt, unter unzweideutigen Anzeichen,und so kam es, daß die ersten Gerüchte von derHeimsuchung der Lagunenstadt in deutsche Tages-blättergelangten. Venedigs Obrigkeit ließ antworten,daß die Gesundheitsverhältnisse der Stadt nie bessergewesen seien und traf die notwendigsten Maß-regeln zur Bekämpfung. Aber wahrscheinlich warenNahrungsmittel infiziert worden, Gemüse, Fleischoder Milch, denn geleugnet und vertuscht fraß dasSterben in der Enge der Gäßchen um sich, und dievorzeitig eingefallene Sommerhitze, welche dasWasser der Kanäle laulich erwärmte, war der Ver-