Buch 
Pariser Rechenschaft / von Thomas Mann
Entstehung
Seite
16
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MAN WAR JA SCHON DA

schlummern. Dann wurde durchs Telephon Besuchgemeldet.

Dies Pariser Telephon ist der ergreifendste Apparat,der mir je vorgekommen das unsrige wenigstens wardas. Seine Lebensäußerungen warfen sich aufs Gemüt,man konnte ihm nicht schnell genug zu Hilfe eilen,und war man nicht abkömmlich für den Augenblick,so rief man ihm unwillkürlich von weitem laute Trö-stungen und Versprechungen zu. Es hatte ein kleinesLichtauge, womit es auf die erregendste Art blinkteund blinzelte, und eine erbarmungswürdige kleine Kopf-stimme, mit der es ängstlich winselte:Ach, rasch,ach, bitte, bitte, rasch ... Man war ja schon da, inGottes Namen, was gab es denn! Und jedesmal wiederwar man enttäuscht und erleichtert von dem, was wirk-lich gemeldet wurde, da man mit Bestimmtheit die Nach-richt von einem erbarmungswürdigen kleinen Unglückgewärtigt hatte.

Dies erste Mal war es nur Besuch von der Botschaft,der deutschen Botschaft, unserer Botschaft, und ichstieg hinab, den diplomatischen Landsmann in derHalle zu begrüßen. Botschaftsrat Dr. R. war keingermanischer Recke, sondern ein zierlicher Herr vonhöflich gescheitem Wesen, das für seine Laufbahn diebesten Hoffnungen erweckte. Oh, schade, er war miteinem Wagen am Bahnhof gewesen zu irrtümlicherStunde, da man uns mit dem Zuge von München undnicht von Mainz her erwartet hatte. Es wurde einigesfür den Nachmittag, den Abend besprochen. Schonjetzt erfuhr ich, daß gestern bei dem öffentlichen Vor-trag des ebenfalls anwesenden Dr. Alfred Kerr sichtörichte Unliebsamkeiten ereignet hatten. Serbische